
Wohl kaum eine Schiffsart hat im Laufe der Geschichte so viel Berühmtheit erlangt wie das ,,Drachenboot“ der Wikinger. Wir finden es in einer Vielzahl von Filmen, Comics und Geschichten. Allerdings gilt es hier, Fiktion und Realität genauer zu untersuchen. In diesem Artikel möchte ich kurz darstellen, wie das Langschiff aussah, welche Typen es gab und warum gerade ein Schiff so entscheidend dafür war, die Wikinger für nahezu zwei Jahrhunderte in Europa sowohl im Handel wie auch in kriegerischen Auseinandersetzungen führend zu machen.
Zunächst einmal lassen sich zwei Langboottypen unterscheiden. Für kriegerische Unternehmungen wurde das heute so bekannte Langschiff verwendet. Für Handel und Erkundungsfahrten bevorzugten die Nordmänner das Knorr. Dieses Schiff war breiter als das Langschiff und hatte mehr Tiefgang. Dadurch konnten größere Lasten transportiert werden.
Das Langschiff zeichnete sich vor allem durch einen geringen Tiefgang und einen schlanken Rumpf aus. Es konnte sowohl gerudert wie auch gesegelt werden. Das Segel wurde aus Wolle gefertigt, welche von einer heute kaum noch vorkommenden Schafrasse in Skandinavien gewonnen wurde. Diese hat normaler Wolle gegenüber den Vorteil, dass sie wasserabweisend ist. Nur so waren die Wollsegel für den Einsatz auf See geeignet.

Der Rumpf war aus Holzplanken gefertigt, welche sich überlappten. Diese Bauweise hatte den Vorteil, dass bei schneller Fahrt Luft unter das Schiff gesogen wurde. Hierdurch wurde erreicht, dass sich der Rumpf anhob und sich der vorder Teil des Rumpfes aus dem Wasser hob. Dadurch konnten höhere Geschwindigkeiten erreicht werden. Der niedrige Tiefgang hatte den Vorteil, dass man mit dem Drachenboot auch kleine Flüsse befahren und damit auch Ziele im Inland ansteuern konnte. Zudem war das Boot außerordentlich wendig. Die Schilde der Besatzung wurden meist an der Reling festgebunden. Die so berühmten Drachenköpfe finden sich übrigens keinesfalls bei allen bisher gefundenen Langschiffen.
Die Größe und Besatzungsstärke variierte. Es gab sowohl kleine als auch große Schiffe. In einer Seeschlacht wurden die Schiffe verschiedener Flotten vertäut und bildeten so ein schwimmendes Schlachtfeld. Hier ging es vor allem darum, feindliche Schiffe zu erobern und den Feind zu töten oder gefangen zu nehmen. Da aber zu Beginn der Wikingerangriffe im 8. Jhd. n. Chr. kein anderer europäischer Staat eine vergleichbare militärische Stärke zur See vorweisen konnte, konnten Angriffe von See aus zunächst kaum abgewehrt werden.
Die Einflüsse des Schiffsbaus der Wikinger finden sich auch noch in den Jahrhunderten nach dem Ende des Wikingerzeitalters. Auf dem Teppich von Bayeux, angefertigt nach 1066 n. Chr., verwenden die Normannen Langschiffe zur Überquerung des Ärmelkanals von der Normandie nach Südengland. Mit ihrem innovativen Design und den für die damalige Zeit revolutionären Neuerungen im Schiffbau hatten die Nordmänner mit den Langschiffen eine strategische Ressource zur Verfügung, die ihnen für viele Jahre die Vorherrschaft auf See und erfolgreiche Raub- und Eroberungszüge ermöglichte.
Sekundärliteratur:
Bill, Jan: Schiffe und Seemannschaft. In: Sawyer, Peter: Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. Übers. Thomas Bertram. 2. Auflage 2001. Oxford University Press, 1997. S. 192-211.
Über den Autor:

Daniel Ossenkop hat Geschichte, English Studies sowie Mittelalterliche Geschichte an der TU Braunschweig und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf studiert. Seine Masterarbeit zur Belagerung von Neuss durch den Burgunderherzog Karl den Kühnen 1475 ist 2014 im Diplomica-Verlag erschienen. Heute arbeitet er als Lehrer für Geschichte und Englisch.