Wenn wir in das Mittelalter denken, kommen uns immer bestimmte Bilder in den Kopf. Eines, das immer wiederkehrt, ist das des finsteren Zeitalters, dem erst in der Zeit der Renaissance entkommen werden konnte. Infolge dieses Bildes sind auch viele Irrtümer entstanden, von denen ich hier einige vorstellen möchte. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse lassen vermuten, dass um die Bildung und die Wissenschaft im Mittelalter weit besser bestellt war, als lange Zeit vermutet wurde.
Eine weit verbreitete Vorstellung ist, dass die Texte der antiken Autoren im Mittelalter keine Anwendung fanden, sondern unter Verschluss gehalten wurden. Dies ist nicht richtig. Insbesondere Artistoteles wurde sowohl gelesen als auch weiter verbreitet. Dies geschah durch die Mönche, welche als einzige des Schreibens mächtig waren. Nur durch diese Überlieferung war es überhaupt möglich, dass diese Texte bis heute überdauert haben. Dies bedeutet gleichzeitig, dass auch die Inhalte immer wieder untersucht und auch diskutiert wurden.
Und nur so war es möglich, dass sich in Europa nach und nach so etwas wie eine Wissenschaft entwickeln konnte. Dies galt in erster Linie für Politik und Theologie. Die berühmten Klosterschulen und später die Universitäten griffen diese Prinzipien auf und richteten ihre Schüler in verschiedenen Fächern. Besonders Jura und Theologie waren dabei wichtig. Aber auch die Medizin stellte ein eigenes Unterrichtsfach dar. So gab es auch im mittelalterlichen Europa gut ausgebildete Gelehrte. Vorbild hierfür waren die Berühmten Autoren der Antike.
Ein sehr bekannter Irrtum ist, dass die Menschen des Mittelalters die Erde für eine Scheibe hielten. Dieses Bild stammt jedoch noch aus der Antike. im Mittelalter war sie Menschen durchaus bewusst, dass es sich um eine Kugel handeln musste. Wie schon die antiken griechischen Philosophen war ihnen aufgefallen, dass ein Schiff, welches am Horizont erschien, zuerst mit dem Mast sichtbar wurde und dann erst mit dem Rest des Schiffes. Dieses ist ein gutes Beispiel für den hohen Grad an Wissen, der auch im mittelalterlichen Europa schon existierte.
Im islamischen Raum war besonders die Medizin sehr weit fortgeschritten. Die antiken Staatstheorien fanden jedoch kaum Einfluss auf die Staaten der islamischen Welt. Dies liegt vor allem darin begründet, dass die Muslime diese Schriften zwar verwahrten, aber kaum aktiv anwandten. Dennoch gab es Ausnahmen. Insbesondere das maurische Spanien und der berühmte Sultan Saladin sind hier zu nennen. Besonders Spanien entwickelte unter den Muslimen eine herausragende Kultur, welche erst im Laufe der Reconquista unterging.
Im europäischen Raum führte die immer ernsthaftere Beschäftigung auch mit theologischen Themen in der späteren Zeit zu einer kritischen Betrachtung des Glaubens und der Kirche. Diese Entwicklung wurde von der Kirche lange Zeit versucht zu unterdrücken, letzten Endes aber erfolglos. Erst hierdurch war es möglich, dass die Menschen die Dinge kritisch betrachteten, Dinge hinterfragten und sich letztendlich die Renaissance und später die Aufklärung durchsetzen konnte.
Wie wir sehen, pausierten Bildung und Wissenschaft im Mittelalter keineswegs, sondern entwickelten sich weiter. Dieses Zeitalter war also entscheidend dafür, den Boden für die später kommenden Denkweisen zu bereiten. Es ist damit weit davon entfernt, ein dunkles und barbarisches Zeitalter gewesen zu sein. Wer einen Beweis benötigt, der schaue sich einmal die mittelalterlichen Schriften und Buchmalereien an.
Sekundärliteratur:
Fried, Johannes. Das Mittelalter. Geschichte und Kultur. Ungekürzte Ausgabe 2011. München 2008.
Borst, Arno. Lebensformen im Mittelalter. 5. Auflage 2010. Berlin 1973.
Über den Autor:

Daniel Ossenkop hat Geschichte, English Studies sowie Mittelalterliche Geschichte an der TU Braunschweig und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf studiert. Seine Masterarbeit zur Belagerung von Neuss durch den Burgunderherzog Karl den Kühnen 1475 ist 2014 im Diplomica-Verlag erschienen. Heute arbeitet er als Lehrer für Geschichte und Englisch.