Die Strategien des Mittelalters: Belagerungen

Es ging in diesem Blog an einigen Stellen ja bereits um die Waffen des Mittelalters. An dieser Stelle möchte ich ein wenig auf die Strategien eingehen, die bei Belagerungen angewandt wurden. Bei kaum einer anderen Darstellung des Mittelalters in den populären Medien scheint es derart viele Ungenauigkeiten zu geben. Normalerweise greifen die Belagerer an, werden einige Male zurückgeschlagen und nehmen dann die Burg oder die Stadt entweder ein oder werden abgewehrt. Natürlich nach einem langen und heldenhaften Abwehrkampf seitens der Belagerten.

In der Realität sahen die Vorbereitungen auf die Belagerung und der tatsächliche Verlauf etwas anders aus. Zunächst einmal muss man sich vor Augen führen, dass Belagerungen von Burgen eher selten waren. Wie ich in dem Artikel über die mittelalterliche Burg bereits geschrieben habe, dienten Burgen nicht in erster Linie zur Befestigung eines bestimmten Landstriches. Sie waren eher Verwaltungs- und Herrschaftssitze mit der Möglichkeit, sich in sie zurückzuziehen. Darüber hinaus waren die Besatzungen viel zu klein, um eine effektive Verteidigung auf Dauer zu gewährleisten. Ausnahmen waren vor allem spezielle Befestigungen, die beispielsweise Gebirgspässe blockieren sollten oder die sogenannten Garnisonsburgen im heiligen Land oder im eroberten England des 11. Jahrhunderts. Beide Anlagen verfügten aber über sehr große Besatzungen, die auch Ausfälle durchführen konnten. Ritterburgen wurden in einigen Fällen zwar auch belagert, allerdings stellten diese Ereignisse eher weniger kriegsentscheidende Handlungen dar. Oft wurden Burgen sogar vor dem Anrücken einer großen Streitmacht verlassen. Denken Sie immer daran: Ein lokaler Adliger hätte sich eher nicht einem aussichtslosen Kampf in seiner Burg gestellt. Er hätte sich seinem Landesherren und dessen Armee angeschlossen, um gegen den Feind zu kämpfen. Raubritterburgen stellten hier allerdings eine Ausnahme dar.

Bei Städten sah die Situation anders aus. Die Bewohner lebten hier dauerhaft, ihre gesamte Existenz war an einer Stelle konzentriert. Die Stadtgemeinschaft konnte nicht einfach umsiedeln oder fliehen. Daher ist es wenig überraschend, dass alle Bürger der Stadt im Belagerungsfall mithalfen, ihre Heimat zu verteidigen. Die Städte waren in den meisten Fällen durch Mauer und Türme recht gut geschützt, da sie meistens relativ reich waren. Ärmere Siedlungen mussten sich zunächst mit Holzmauern und Erdwällen helfen. Diese Sicherungen waren nicht nur gegen feindliche Armeen gedacht, sondern in erster Linie gegen Räuberbanden und gegen Ritter, die mit der Stadt ständig in Konkurrenz standen und ab und an auch Bürger entführten.

Die Vorbereitung auf eine Belagerung war essentiell. Es musste genug Nahrung vorhanden sein, die Wasserversorgung musste geregelt werden. Es war wichtig, dass jede Befestigungsanlage eine autarke Wasserversorgung hatte. Zisternen zum Sammeln des Regenwassers gab es oft zusätzlich. Rationierungen waren unumgänglich. Auch mussten genug Waffen und Geschosse vorhanden sein. Es ist überliefert, dass sogar das Mobiliar der Burg als Wurfgeschoss verwendet wurde. Auch die Wälle mussten verstärkt werden. Am Fuße der Mauer wurde oft ein zusätzlicher, eng an die Steine anliegender Erdwall aufgeschüttet, um die Mauer vor Belagerungsgerät zu schützen und ein Kippen bei starker Beschädigung zu vermeiden. Das Tor wurde manchmal durch eine zusätzliche Barrikade hinter ihm geschützt, für den Fall, dass das Holztor durchbrochen wird. An Waffen setzten die Verteidiger alles ein, was sie zur Verfügung hatten. Armbrüste, Bögen, Speere, Schwerter, manchmal sogar eigene Wurfmaschinen. Die Angreifer hatten die gleichen Waffen zur Verfügung. Für sie waren vor allem die Belagerungsmaschinen wichtig. Katapulte, Rammen, Türme, Leitern – alles, um die gegnerischen Mauern zu überwinden. Auch die Mineure waren wichtig, da sie die Befestigungen untergraben und entweder zum Einsturz bringen konnten oder einen Tunnel in die Burg/Stadt graben konnten. Im Optimalfall verfügten allerdings auch die Belagerten über Mineure, die Gegentunnel graben konnten.

 

Der Trebuchet. Mit ihm konnten Geschosse über weite Entferungen präzise geworfen werden. Foto von DigiArtClips. https://pixabay.com/de/photos/trebuchet-mittelalter-belagerung-1116061/ (03.01.2020).

 

Das Aufkommen der ersten Schwarzpulverwaffen im Hoch- und Spätmittelalter war anfangs noch keine allzu große zusätzliche Bedrohung für die Belagerten. Die bekannten Trebuchets hatten anfangs noch eine durchschlagendere Wirkung und waren auch nicht so unberechenbar. Die ersten Kanonen verschossen Pfeile und Steinkugeln und waren alles andere als sicher. Häufig explodierten sie und waren so eine ernste Gefahr für die Benutzer. Nach einer stetigen Verbesserung wurden sie aber immer effektiver, was letzten Endes zu einer grundsätzlichen Änderung der Befestigungsarchitektur führte. Die Festungen wurden erfunden.

Zu guter letzt möchte ich noch auf die psychologischen Aspekte eingehen. Belagerungen waren für beide Seiten eher ungünstige Situationen. Die Belagerten waren eingesperrt, hatten nur begrenzte Rationen und waren meist in der Unterzahl. Die Belagerer mussten ihre Armee aber ebenfalls versorgen. Wenn die Umgebung nichts mehr hergab, mussten immer größere Distanzen in Feindesland überbrückt werden. In beiden Lagern brachen fast immer Krankheiten aus, die im ungünstigsten Fall sogar die ganze Angelegenheit entscheiden konnten. Auf beiden Seiten herrschte also ein unlaublicher Druck. Aus diesem Grund wurde nur belagert, wenn es keine andere Möglichkeit gab, den Konflikt zu entscheiden. Häufig wurde auch an einer eroberten Befestigung ein Exempel statuiert, um andere Burgen und Städte schon im Vorfeld zur Kapitulation zu bewegen.

 

Über den Autor:

Daniel Ossenkop hat Geschichte, English Studies sowie Mittelalterliche Geschichte an der TU Braunschweig und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf studiert. Seine Masterarbeit zur Belagerung von Neuss durch den Burgunderherzog Karl den Kühnen 1475 ist 2014 im Diplomica-Verlag erschienen. Heute arbeitet er als Lehrer für Geschichte und Englisch.