Beides High-End-Kriegsgeräte ihrer Zeit. Und beide Male heftigst umstritten. Auch wenn es eine ganze Reihe spezifischer Gründe hierfür gibt, sind die Parallelen umso interessanter. Dieser Vergleich ist übrigens genau in dieser Form in einem meiner Uni-Seminare aufgekommen. Ich finde das Thema so spannend, dass ich es an dieser Stelle einmal darstellen möchte.
So gut wie jeder kennt die aktuelle Diskussion um den Einsatz von Kampfdrohnen, die aus sicherer Entfernung vom Kampfgeschehen gesteuert werden können, mit denen man Gegner sicher ausschalten kann, aber auch Kollateralschäden verursachen kann. Aus diesen Gründen haben sie einen äußerst schlechten Ruf und es gibt auch Forderungen, sie ganz zu verbieten.
Genauso erging es auch der Armbrust im Mittelalter. Ihr Gebrauch gegen Christen wurde letzten Endes sogar seitens des Papstes verboten. Die Armbrust war einen außerordentlich mächtige Waffe. Sie konnte über eine Entfernung von über 100 Metern fast jede Rüstung durchschlagen, ungepanzerte Ziele sogar auch noch größerer Entfernung töten oder verletzen. Entscheidend war, dass mit ihr der adlige Kriegerstand, die Ritter, in ernsthafte Schwierigkeiten geriet. Entweder sie wurden direkt vom Pferd geschossen, oder aber ihr Reittier wurde tödlich getroffen oder geriet in Panik. Und das schlimmste war, dass dies durch einen gewöhnlichen Kriegsknecht oder gar einen Bauern geschehen konnte. Dies war ein entscheidender Faktor, der die militärische Bedeutung der Ritter letzten Endes schwinden ließ. Aber mehr noch. Auch gesellschaftlich geschah hier etwas, dass es vorher zwar schon gegeben, aber hier erst deutlich wurde. Die einfachen Menschen waren plötzlich den Rittern im Kampf ebenbürtig. Der Adel fürchtete zu Recht, dass sich dies im Bewusstsein der Menschen festsetzen und auch auf andere Lebensbereiche ausstrahlen könnte.

Zusätzlich barg der Einsatz von Armbrüsten, aber auch von Bögen, die Gefahr von Opfern innerhalb der eigenen Armee. Auf größere Entfernungen oder im Falle eines Nahkampfes konnte es durchaus passieren, dass die Schützen ihre eigenen Leute trafen. Auch galt das Töten eines Feindes mittels einer Fernwaffe als nicht ehrenhaft. Nach dem damaligen Glauben waren Kämpfe auch immer Gottesurteile. Derjenige, der im Recht war, dessen Schwert würde Gott zum Sieg führen. Da passte ein sich hinter einem Baum versteckender Armbrustschütze nicht ins Bild, der den strahlenden Helden des Hofes einfach von seinem hohen Ross holte.
Da hier sowohl das feudale Herrschaftssystem als auch der Glaube an den gerechten Sieg durch Gott allein auf dem Spiel stand, wurde der Einsatz von Armbrüsten gegen Christen auf dem zweiten Lateranischen Konzil von 1139 verboten. Dass die Kriegspraxis durchaus anders aussah, zeigt das wohl prominenteste Opfer einer Armbrust: Richard Löwenherz, der 1199 von einem Bolzen tödlich getroffen wurde.
Wie wir sehen, finden sich die Einwände gegen die Armbrust auch beim Streit um die modernen Kampfdrohnen wieder. Auch wenn sich heute andere Formulierungen finden, die Gründe sind sich sehr ähnlich. Zum einen werden die möglichen Kollateralschäden aufgeführt, wie sie auch schon bei den Armbrüsten moniert wurden. Zum anderen hat es anscheinend auch heute noch einen faden Beigeschmack einen Gegner zu töten, ohne sich ihm in einem direkten Kampf zu stellen. Das Töten aus einem sicheren Versteck, aus einer sichern Entfernung. Der Einsatz von Bodentruppen wurde zumindest noch nicht in der gleichen Art und Weise kritisiert. Auch wenn es heute nicht mehr darum geht, den Status des Adels oder der Kirche zu schützen, so wirken bestimmte Sichtweisen und Moralvorstellungen aus dem Mittelalter bis in unsere heutige Zeit hinein weiter.
Über den Autor:

Daniel Ossenkop hat Geschichte, English Studies sowie Mittelalterliche Geschichte an der TU Braunschweig und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf studiert. Seine Masterarbeit zur Belagerung von Neuss durch den Burgunderherzog Karl den Kühnen 1475 ist 2014 im Diplomica-Verlag erschienen. Heute arbeitet er als Lehrer für Geschichte und Englisch.