Am Anfang steht eine ungeheure Anschuldigung. Der Knappe Jacques Le Gris soll die Ehefrau des Ritters Jean de Carrouges vergewaltigt haben. Nicht nur ein schweres Verbrechen und persönliches Schicksal, sondern in der Welt des Mittelalters von einigem gesellschaftlichen Interesse. Doch auch für die Ankläger steht einiges auf dem Spiel – nicht weniger als das eigene Leben. Ein mittelalterlicher Kriminalfall, der es 2021 sogar auf die Leinwand geschafft hat. Doch was verraten uns die zeitgenössischen Quellen eigentlich genau?
Als Grundlage für die Rekonstruktion des Duells dient die Aufzeichnung des Mönchs Michel Pintoin, dem offiziellen Chronisten des französischen Königs Karl VI. Hierbei handelt es sich um eine zeitgenössische Quelle mit hohem Aussagewert. Außerdem liegen die privaten Aufzeichnungen von Jean le Coq, dem Anwalt des Angeklagten, vor. Auch hierbei haben wir es mit einer zeitgenössischen Quelle zu tun.
Die Quellen geben uns Aufschluss über den Ablauf des eigentlichen Duells. Auf die Geschehnisse vor und nach dem offiziellen Prozess soll in diesem Artikel nicht im Detail eingegangen werden.
Der Straftatbestand der Vergewaltigung
Um die überlieferten Ereignisse interpretieren zu können, lohnt ein Blick auf die gesellschaftlichen und juristischen Bedingungen des 14. Jahrhunderts. Vergewaltigung war auch im Frankreich des Mittelalters ein schweres Verbrechen. Der Täter konnte hierfür mit dem Tod bestraft werden. Üblich war die Enthauptung durch das Schwert (Schild, Wolfgang. S.321). Mit dem Tod zu bestrafen war aber auch die fälschliche Beschuldigung. In einem Zeitalter ohne die Möglichkeiten der modernen Kriminalpolizei war es schwierig, eine Vergewaltigung zu einem späteren Zeitpunkt sicher einem bestimmten Täter nachzuweisen. Für Jean de Carrouges und seine Frau stand 1386 also einiges auf dem Spiel. Sollte Jean im Duell unterliegen, drohte seiner Frau Marguerite der Tod durch Verbrennen. Doch die Sache auf sich beruhen lassen konnte der Ritter eben nicht.
Hierbei ging es nicht alleine um persönliche Genugtuung. Die Vergewaltigung, ob nun tatsächlich nachgewiesen oder nicht, war öffentliches Gesprächsthema. Würde De Carrouges nicht handeln, wäre sein öffentliches Ansehen (und das seiner Familie) dauerhaft beschädigt. Dies hätte zu dieser Zeit sehr viel ernstere Konsequenzen gehabt als heute und kann durchaus mit einer Ächtung gleichgesetzt werden. Nach den gesellschaftlichen Normen seiner Zeit musste der Ritter die Ehre seiner Frau, und seine eigene, wiederherstellen.
Das juristische Duell
Was uns heute unnötig brutal erscheinen mag, war im Mittelalter gängiges juristisches Mittel. Seine Ursprünge reichen weit in die Antike zurück und finden sich in vielen Kulturen überall auf der Welt. In der Welt der germanischen Stämme war der bewaffnete Konflikt mit anderen Gruppen nicht ungewöhnlich und diente nicht selten dazu, Rache für verübte Verbrechen zu nehmen. Dies war im römischen Recht nicht vorgesehen, wo diese vor ein ordentliches Gericht gebracht werden mussten. Dies wurde auch im salischen Recht während des 6. Jahrhunderts n.Chr. festgeschrieben, um den ausartenden Familienfehden einen Riegel vorzuschieben.
Statt eines Kampfes fand das Prinzip der Eidhilfe Anwendung. Leistete der Angeklagte einen Eid und wurde dieser von Bürgen bestätigt werden, so war seine Unschuld erwiesen. Der Nachteil dieses Vorgehens ist offensichtlich. Ein Mann mit vielen Gefolgsleuten hatte hier einen deutlichen Vorteil demjenigen gegenüber, der nur sehr wenige oder keine um sich hatte (Marsden, 2016. S. 9-10).
Der gerichtliche Zweikampf wurde dann erstmals im 8. Jahrhundert in Gesetzestexten geregelt und durch Karl den Großen modifiziert. Die Idee war, dass im Zweifelsfall Gott entscheiden sollte, wer schuldig und wer unschuldig war. Auch Frauen war dieser Weg keinesfalls versperrt. Belege finden sich in mehreren Quellen, beispielsweise im Fechtbuch Hans Talhoffers (MS Thott.290.2). Ihnen war es aber gestattet, einen Kämpfer hierfür anzuwerben (Marsden, 2016. S. 11-12).

Der Ausgang entschied für beide Seiten über Leben und Tod. Der Unterlegene hatte, vor allem bei schweren Verbrechen, den Tod zu erwarten. Frauen wurden häufig verbrannt (Marsden, 2016. S. 17). Dabei war es am Ende unerheblich, was wirklich geschehen war – das Gottesurteil bedeutete, das keine weiteren Beweise vorgebracht werden mussten.
Was uns heute so brutal anmutet, war eine durchaus wirkungsvolle Methode, die vorherrschende Gewalt zumindest einzugrenzen. Die Duelle mussten von den Obrigkeiten genehmigt werden. Zudem wurden die genauen Bedingungen vorher festgelegt.

Der Ablauf des Duells
Im Fall von de Carrouges und de Gris dauerte es einige Zeit, bis es zum Duell kam. Le Gris war nach einer Untersuchung vor Ort zunächst freigesprochen worden. De Carrouges wandte sich daraufhin direkt an den König, Karl VI. Es dauerte ein ganzes Jahr, bis dieser schließlich zustimmte (Marsden, 2016. S. 23.).
Über den Ablauf des Duells gibt uns der Mönch Michel Pintoin Auskunft, der offizielle Geschichtsschreiber des französischen Königs Karl VI. Da dieser beim Duell persönlich anwesend war, könnte dies auch für den Autor gelten.
Das Duell fand nahe Saint-Martin-des-Champs statt. Obwohl die Kontrahenten zu Beginn des Kampfes auf ihren Pferden saßen, stiegen sie nach dem Startsignal ab und näherten sich einander mit gezogenen Schwertern:
„[…] moxque mutue invasionis a marescallo signo dato , equos abigerunt, et infestis demissis gladiis, lento gressu procedentes, tam animose quam audacter se impingunt. […]“
Es gelang Le Gris zunächst, De Carrouges am Oberschenkel zu verwunden. Er versäumte es aber, seinen Vorteil zu nutzen und zog sein Schwert in einer schnellen Bewegung zurück, anstatt tiefer zuzustechen. Dies führte zwar zu einem ziemlichen Schauspiel für die Zuschauer, da zunächst viel Blut floss, zeigte aber keine nennenswerte Wirkung. De Carrouges ließ sich nicht beirren. Im Gegenteil, laut Pintoin griff er Le Gris sogar mit noch mehr Inbrunst an:
„[…] Ad istum primum impetum domini Johannis fémur alter gladio perforavit; et hic ictus sibi multum profuisset, si in vulnus domini illum tenuisset; sed statini extracto , fit sanguis cimctis spectaculo ; qui tamen vulnerato non stuporem sed audaciam augmentavit. […]“
Mit dem Ausruf „Nostrarum licium dies iste sentenciam fert!“ (Über unseren Streit wird heute ein Urteil gefällt!) packte De Carrouges seinen Kontrahenten am Helm, warf in zu Boden und tötete ihn mit dem Schwert. Zuvor hatte sich dieser mehrfach geweigert, seine Schuld einzugestehen. Durch das Gottesurteil galt diese dennoch als erwiesen. Der Leichnam von Le Gris wurde für alle sichtbar am Galgen aufgehängt.
Erhalten geblieben sind auch die Aufzeichnungen von Jean le Coq, dem Anwalt von Le Gris. Er scheint selbst Zweifel an der Unschuld seines Klienten gehabt zu haben. Er führt mehrere Gründe auf, die seiner Meinung nach gegen Le Gris sprechen. Allerdings handelt es sich hierbei nicht um wirkliche Beweise:
„… Fourth, because after the pledge of battle was adjudged, he was ill. Fifth, because a little before he entered the field, he was made a knight. Sixth, because, although he was the defendant, he attacked his adversary very cruelly and did it on foot, although he would have had the advantage if he had done it on horseback. Seventh, because, even though Carrouges was weak because of fevers, he himself said they helped him. Eighth, because the wife of Carrouges was always constant in saying that the deed had occurred, both in childbirth and on the day of the duel, to which she was brought in a cart, but swiftly sent back by order of the King. Ninth, because he [Le Gris] spoke weakly to those who were presiding when they were talking to him about an accord. … (Le Coq, pp. 110–111)“
Alles in allem kommen Le Coq aufgrund der schwachen Argumentation Le Gris sowie seiner Niederlage aufgrund schlechter Entscheidungen (dem Kampf zu Fuß) sowie den Sieg De Carrouges trotz eines Fiebers (ein Hinweis auf die Hilfe Gottes) im Nachhinein Zweifel an den Beteuerungen Le Gris, unschuldig zu sein.
Zusammengefasst
Die Beschreibung des Ablaufes ist aufschlussreich. Die Kämpfer sitzen zu Beginn auf ihren Pferden, steigen dann jedoch ab und kämpfen zu Fuß. Wir haben es also nicht mit einem Tjost zu tun, wie er sich später in romantisierenden Darstellungen über das Mittelalter findet. Vielmehr handelte es sich um einen kompomisslosen und brutalen Zweikampf in voller Rüstung am Boden, der am Ende durch einen Wurf entschieden wird. De Carrouges siegt, weil er seinen Gegner zu Boden ringen kann. Dies war durchaus üblich, wenn zwei Ritter in voller Rüstung gegeneinander antraten.
Das Duell zwischen Jean de Carrouges und Jacques Le Gris kann durchaus exemplarisch gesehen werden für die gerichtlichen Zweikämpfe des Mittelalters. Hierbei ging es nicht um die Befriedigung von Blutdurst. Vielmehr war diese Institution geschaffen worden, um Blutvergießen zu vermeiden. Die Alternativen wären, vor allem in der Anfangszeit, Familienfehden und Blutrache gewesen. Wir haben gesehen, dass das Duell erst nach einer gründlichen Prüfung und nach einem komplizierten juristischen Vorspiel ausgefochten werden durfte. Es wird auch sichtbar, dass ein Verbrechen nicht ungesühnt bleiben durfte. Nicht zu handeln, war für einen Mann des Mittelalters nicht denkbar. Er wäre aus der Gesellschaft ausgestoßen worden oder hätte zumindest massiv an Ansehen eingebüßt. Hiervon waren auch Frauen betroffen die, wie wir gesehen haben, auch das Recht hatten, einen Zweikampf zu verlangen.
Gottesurteile im Rahmen eines Duells kamen nach und nach außer Mode. Während die Zweikämpfe rund um verletztes Ehrgefühl noch bis ins 20. Jahrhundert ausgefochten wurden, nahm man im Falle der juristischen Urteilsfindung nach und nach Abstand von dieser Praxis. Die Aufklärung von Verbrechen erfolgte mehr und mehr mit Hilfe sachlicher und rationaler Methoden. Hierzu trug nicht unwesentlich bei, dass die Zweikämpfe zumeist sehr brutal abliefen und dementsprechend negativ wahrgenommen wurden. Zudem kamen zunehmend Zweifel auf, ob durch sie ein gerechtes Urteil erreicht werden konnte. Ein Gottesurteil brauchte eben keine genaue Beweisführung, was den Zeitgenossen durchaus bewusst war. Darüber hinaus musste ihnen aufgefallen sein, dass das Duell zwischen Le Gris und De Carroughes keinerlei Aufschluss darüber geben konnte, was wirklich vorgefallen war.
Quellen
https://hroarr.com/article/fencing-culture/what-really-happened-at-the-last-duel-part1/ (18.10.2021).
https://archive.org/details/chroniquedurelig12dionuoft/page/n489/mode/2up?view=theater (18.10.2021).
Hinckeldey, Ch. (Hg.). Justiz in alter Zeit. Band VI der Schriftenreihe des Kriminalmuseums Rothenburg ob der Tauber. Rothenburg o.d.T. 1989.
Marsden, Richard. Historical European Martial Arts in its Context. Single-Combat, Duels, Tournaments, Self-Defense, War, Masters and their Treatises. 2016.