Die Magna Carta Libertatum

Verfassungen gelten gemeinhin als trockene Angelegenheit. Was aber am 15. Juni 1215 vom englischen König Johann Ohneland bei Runnymede unterzeichnet wurde, war ein Meilenstein der Verfassungsgeschichte. Nie zuvor gab es ein Dokument, welches die Macht eines Königs derart einschränkte. Sie rüttelte dabei an dem Glaubenssatz, dass der von Gott eingesetzte König uneingeschränkt herrschen durfte.

Magna Carta – der große Freibrief. So wurde die Urkunde mit dem aufsehenerregenden Inhalt genannt. Welche Aspekte für die Menschen 1215 und für zukünftige Verfassungen besonders von Bedeutung sein sollten, darum soll es im Folgenden gehen.

Eine Carta der Freiheiten als Ergebnis einer turbulenten Zeit

Die Magna Carta wurde in einer Zeit verfasst, der eine ganze Reihe von bewaffneten Konflikten im angevinischen Reich vorhergegangen war. Die Barone hatten genug von der als willkürlich empfundenen Besteuerung und Rechtsprechung ihres Königs, Johann Ohneland. Dass dieser dabei vor allem dem folgte, was unter seinem Vater Heinrich II und seinem Bruder Richard Löwenherz etabliert worden war, spielte aufgrund seiner nicht gerade vertrauensschaffenden Persönlichkeit keine entscheidende Rolle. Vielmehr schaffte er es durch sein Verhalten, einen großen Teil der englischen Barone gegen sich aufzubringen.

Widerstand gegen den König

Der Widerstand gipfelte in einer offenen Rebellion gegen den König. Dies kam in der englischen Geschichte nicht nur einmal vor. Der Widerstand weckte unangenehme Erinnerungen an die als „The Anarchy“ bezeichnete Phase voller Chaos und Gewalt, die der Dynastie der Plantaganets vorhergegangen war. Die Barone unter der Führung von Eustace de Vesci und Robert Fitzwalter forderten vom König eine Charta der Freiheiten, die sie vor willkürlicher Rechtsprechung und Besteuerung schützen sollte. 1215 schloss sich auch die City of London dem Widerstand an. Der Erzbischof von Canterbury, Stephen Langton, konnte König Johann davon überzeugen, bei Runnymede eine entsprechende Charta zu unterzeichnen. Der Bürgerkrieg war damit, zumindest vorübergehend, zu Ende.

König Johann unterschreibt die Magna Carta. Historisierende Darstellung von 1868/ Joseph Martin Kronheim (1810–96)[1], Public domain, via Wikimedia Commons

Der Kampf um die Carta

Der König war jedoch alles andere als bereit dazu, diese deutliche Einschränkung seiner herrscherlichen Macht einfach hinzunehmen. Er erreichte tatsächlich, dass Papst Innozenz III die Magna Carta für nichtig erklärte. Zudem exkommunizierte er die rebellischen Barone. Ein hartes Urteil, bedeutete es doch, dass sie aus der Gemeinschaft der Christenheit ausgeschlossen waren. Dies ließ diesen keine andere Wahl als die bewaffnete Rebellion. Im nun folgenden Bürgerkrieg siegten die englischen Barone mit der Unterstützung des französischen Prinzen Ludwig gegen König Johann. Dieser starb am 19. Oktober 1216 in Newark. Die Carta wurde anschließend wieder eingeführt.

Die Magna Carta nach König Johann

Der große Freibrief gilt bis heute zurecht als eines der wichtigsten Verfassungsdokumente der Welt. Sie wurde bis 1225 mehrmals neu ausgestellt und immer wieder angepasst. Entscheidend war, dass von nun an die Kirche die Sanktionierung im Fall von Verstößen gegen die Carta übernahm. Stephen Langton drohte jedem Machthaber, der gegen sie verstieß, mit Exkommunikation.

Auswirkungen auf spätere Jahrhunderte

Die Magna Carta wurde in England vor allem im Rahmen der Glorious Revolution wieder bedeutsam. Hier wurde sie vor allem dazu genutzt, den Widerstand gegen König Karl I zu legitimieren. Im 18. Jahrhundert inspirierte sie die Verfasser der amerikanischen Verfassung. Und auch heute noch gilt sie als eines der wichtigsten Verfassungsdokumente der Welt. So war sie in Teilen Vorbild für die Menschenrechtserklärungen der UN und der EU.

Was macht(e) die Magna Carta so außergewöhnlich?

„NO Freeman shall be taken or imprisoned, or be disseised of his Freehold, or Liberties, or free Customs, or be outlawed, or exiled, or any other wise destroyed; nor will We not pass upon him, nor condemn him, but by lawful judgment of his Peers, or by the Law of the Land. We will sell to no man, we will not deny or defer to any man either Justice or Right.“

Freiheit per Gesetz – gerade darum ging es den Verfassern der Carta. Der Willkür des Königs sowie seiner Nachfolger sollte endgültig ein Riegel vorgeschoben werden. Steuern durften nicht einfach so erhoben werden, freie Personen nicht ohne eine ordentliche Gerichtsverhandlung verurteilt werden. So sollte auch verhindert werden, dass der König in Ungnade gefallene Adlige durch übertriebene Steuerforderungen ruinieren konnte. Die Macht des nach dem Glauben der Zeit eigentlich von Gott eingesetzten Monarchen derart zu beschränken, war ein beachtlicher Schritt für das 13. Jahrhundert. Er zeigt aber, wie groß die Unzufriedenheit der Barone und der hohen Geistlichkeit gewesen sein muss. Denn eine derart große Zahl an hohen Adligen gegen sich aufzubringen, war auch im Mittelalter nicht leicht.

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