Die Ritteroden des Mittelalters faszinieren die Menschen bis heute. Am bekanntesten sind hier sicherlich die geistlichen Ritterorden, die sich zunächst dem Schutz der Pilger im heiligen Land und der Pflege von Kranken widmeten. Andere Orden, wie Templer und Deutschritter, übernahmen als bestens ausgebildete Krieger zusätzliche militärische Aufgaben. Administration und geschicktes Wirtschaften machten die Orden häufig außerordentlich mächtig und reich. Mit der Niederlage der christlichen Königreiche in Outremer im 12. und 13. Jahrhundert mussten sich die Ritterorden neue Aufgaben suchen.
Ihrer Faszination tat dies keinen Abbruch. Ganz in Gegenteil. Ritterorden gab es weiterhin, auch wenn von nun an andere Funktionen im Mittelpunkt standen. Um die „Faszination Rittertum“ genauer einordnen zu können, lohnt ein Blick auf die Grundlagen des europäischen Rittertums und die damit verbundenen Vorstellungen, die ein Fortleben der Ritterorden erst möglich machten. Denn diese fanden sich auch noch im Spätmittelalter an den Höfen europäischer Herrscher. Nicht selten war hier die Crème de la Crème der europäischen Ritterschaft versammelt.
Für einen Orden galt dies ganz besonders: Die Ritter vom Goldenen Vlies.
Der Begriff „Ritterorden“
Was ist eigentlich ein Ritterorden? Hierauf gibt es keine einheitliche Antwort. Zunächst einmal bildeten alle Ritter Europas eine Gemeinschaft, unabhängig von Nationalität und Treueschwüren. Kein Wunder, galten doch alle Ritter als Streiter der Christenheit. Die oben genannten geistlichen Orden der Kreuzritter bildeten dann eigene Institutionen, die zusätzlich das Ideal des Kriegermönches integrierten – eine Reaktion auf den bisweilen doch recht weltlichen Lebensstil vieler Ritter. Mit der Zeit wurden aber auch diese Orden in zahlreiche politische und finanzielle Unternehmungen verwickelt. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Templerorden.
Ab dem 14. Jahrhundert wurden an den europäischen Höfen zunehmend neue Orden gegründet. Die Initiative hierzu ging in der Regel von den Herrschern aus. In den Statuten fanden sich nach wie vor die alten Ideale, allerdings ging es nun vor allem um Politik. In diesen Orden waren die Herrscher selbst organisiert.
Merkmale und Bedeutung der neuen Ritterorden
Obwohl es viele Ritterorden gab, blieben doch nur wenige übrig, die wirklich Bedeutung hatten. Hierzu zählen vor allem der vom Goldenen Vlies in Burgund, der Hosenbandorden in England und der Halsbandorden in Savoyen. Diese waren die einzigen, die auch nach dem Mittelalter noch eine gewissen Bedeutung behalten sollten.[1]
Doch was brauchte ein Ritterorden, um als solcher zu gelten? Diese Frage ist schnell beantwortet. Den bereits erwähnten Herrscher als Vorstehender des Ordens, einen Schutzheiligen (ohne geistliche Unterstützung ging im Mittelalter nicht viel), einen Gegenstand als gemeinsame Erkennungsmarke sowie ein klar definiertes Ritual für die Aufnahme neuer Mitglieder in den Orden.[2]
Die Bedeutung dieser Orden war klar eine politische. Sie waren die Golfclubs ihrer Zeit. Sie sollten zunächst den Zusammenhalt der Mitglieder symbolisieren und stärken. Bei Treffen und Turnieren wurde nicht nur den romantischen Vorstellungen vom Rittertum gefrönt, es wurden Gespräche geführt und Verträge geschlossen. Hier waren die Herrscher unter sich.
[1] Vgl. Pastoureau/de Castelbajac (2018). S. 20.
[2] Vgl. Ebd.
Der Orden vom Goldenen Vlies

Dieser Orden geht auf den Philipp den Guten, Herzog von Burgund, zurück. Dieser hatte ihn 1430 in Brügge gegründet. Das Symbol, das Goldene Vlies, war dabei geschickt gewählt. Bis ins das 13. Jahrhundert war die Artussage sehr beliebt. Diese Erzählung von ritterlich-religiöser Gemeinschaft verlor aber nach und nach deutlich an Popularität. In dieser neuen Zeit wollte man eher Alexander den Großen als Begründer des Rittertums sehen.[1] Die makedonische Gefährten-Kavallerie galt hier als das Vorbild für die Gemeinschaft der Ritter. Es lag also nahe, für den neuen Orden ein Motiv der griechischen Mythologie zu wählen. Das goldene Vlies ersetzte dabei den heiligen Gral.[2]
Ansonsten erinnerte der Orden stark an seine Vorbilder. Philipp der Gute schuf ganz bewusst einen klassischen Orden. Sein Ziel war es, dass sein Haus in Europa offiziell anerkannt wurde. Burgund, dass sich unter Philipps Herrschaft von Frankreich losgelöst hatte und nun eine unabhängige Großmacht zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich werden wollte, brauchte starke Verbindungen und vor allem Legitimation. Hierzu musste der Herzog die Mächtigen Europas zumindest dazu bringen, ihn anzuerkennen.

Dies sollte ihm tatsächlich gelingen. Das Wappenbuch des Ordens verzeichnet die wichtigsten Herrscher Europas, darunter den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, den König von Frankreich, den König von England und viele mehr.
[1] Vgl. Ebd. S. 22.
[2] Vgl. Ebd.
Der Orden heute
Die Geschichte des Ordens endete keineswegs mit dem ausgehenden Mittelalter. Nach dem Tod von Karl dem Kühnen 1477 gelangte Burgund durch die Heirat seiner Tochter Maria mit dem habsburgischen Thronfolger Maximilian noch im gleichen Jahr an die Habsburger, was jahrelange Konflikte mit Frankreich und den Städten auslöste. Maximilian wurde durch die Hochzeit Großmeister des Ordens.
Der Orden existiert noch heute. Es gibt zwei Zweige des Ordens, einen habsburgischen und einen bourbonischen. Als Großmeister amtieren Karl Habsburg-Lothringen und König Felipe VI. von Spanien. Ein schönes Beispiel dafür, wie sehr das Mittelalter in den modernen Adelsfamilien fortlebt.
Literatur
De Castelbajac, Jean-Charles; Patoureau, Michel. Das große Wappenbuch der Ritter vom Goldenen Vlies. Darmstadt, 2018.
Über den Autor
Über den Autor:
Daniel Ossenkop hat Geschichte, English Studies sowie Mittelalterliche Geschichte an der TU Braunschweig und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf studiert. Seine Masterarbeit zur Belagerung von Neuss durch den Burgunderherzog Karl den Kühnen 1475 ist 2014 im Diplomica-Verlag erschienen. Heute arbeitet er als Lehrer für Geschichte und Englisch.
Dieser Artikel versetzt beim Lesen in die Zeit der Orden. Sehr spannend und informativ und macht neugierig auf mehr……..
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