Die glänzende Antike, dann der Absturz in die Dunkelheit – so wird der Übergang vom der Spätantike ins Frühmittelalter gerne dargestellt. Aber entspricht diese Lesart der historisch belegbaren Realität? Viele Aspekte legen diese Annahme nahe. Insbesondere der weit fortgeschrittene Städtebau der Römer erscheint als ein überzeugender Beweis. Ganz so einfach dürfen wir es uns aber nicht machen. Kommen Sie mit mir in eine Zeit des Umbruchs und Wandels, der alte Glaubenssätze zu Fall brachte und neue hervorbrachte.
Die Spätantike – Zeit des Wandels?
Wandel fand und findet immer und überall statt – jeden Tag aufs Neue. Genau genommen trifft dies also auf jede Epoche zu. Es stimmt allerdings, dass in der Spätantike Geschehnisse stattfanden, die nach und nach zu einem fundamentalen Wandel führten. Die Wirkungskraft des römischen Ideals nahm mehr und mehr ab (was vor allem die Schuld der römischen Machthaber selbst war), neue Denkweisen breiteten sich mehr und mehr aus. Der Glaube an einen einzigen Gott war dabei nur ein, wenn auch gewichtiger, Aspekt. Die Anführer der germanischen und asiatischen Gruppen, die im Rahmen der „Völkerwanderung“ (Achtung, umstrittener Begriff) lange Wege auf der Suche nach neuen Siedlungsgebieten zurücklegten versuchten zunächst gar nicht vorrangig, das Imperium Romanum zu Fall zu bringen. Ihnen ging es zunächst um das Überleben der eigenen Gruppe. Da sich hier nicht nur Krieger, sondern ganze Familien auf Wanderschaft befanden, entstanden immer mehr neue Siedlungsgebiete – gerne auf dem Gebiet des römischen Reiches. Nun wurde die römische Kultur nicht vernichtet, sie vermischte sich nach und nach mit der der Einwanderer. Deren Anführer machten bisweilen schnell Karriere in der römischen Armee und stiegen zu Heerführern auf.
In der Nachfolge der Caesaren
Nach und nach übernahmen germanische Adlige immer wichtigere Funktionen in der römischen Hierarchie. Männer wie Stilicho, Alarich, Odoaker und Theoderich sind hier nur einige, wenn auch sehr bekannte Beispiele. Selbst Hunnen verdingten sich zeitweise als römische Söldner. Als diese ihre römischen Herren irgendwann absetzten und sich selbst zu Königen krönten, stellten sie sich ganz bewusst in deren Tradition. Aus ihrer Sicht entstand nichts grundlegend Neues, vielmehr führten sie die Herrschaft über das Imperium Romanum weiter. Dies setzte sich über Karl den Großen bis zu den Kaisern des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation fort. Das römische Reich war also gar nicht untergegangen. Zumindest nicht offiziell.
Absturz in ein dunkles Zeitalter?
Die neuen Herrscher waren sehr darum bemüht, ihre Reiche erblühen zu lassen und ihre Macht zu sichern und zu erweitern. Karl der Große lud regelmäßig hohe Geistliche und Gelehrte an seinen Hof und sorgte mit seiner Klosterreform dafür, dass geistliche und philosophische Schriften in einem einheitlichen Schriftbild kopiert werden konnten. So blieben uns wichtige Schriften der Antike erhalten. Nicht nur im Frankenreich, in allen Staaten des Mittelalters wurden so viele Bände der Antike hinter den Klostermauern erhalten. Und nicht nur dort zeigten sich der organisatorische Eifer der Herrscher. Mindestens genauso wichtig nahmen sie die Organisation der Armee, der Handelswege und der Landwirtschaft. Schließlich waren alle Aspekte überlebensnotwendig. Mit einem ambitionierten Bauprogramm versuchte Karl zudem, Aachen zu einem zweiten Rom zu machen. Doch woher kommt dann der Mythos vom dunklen Zeitalter?
Der Grund liegt m.E. zum einen darin begründet, dass das römische Reich lange Zeit idealisiert wurde. Beim Gedanken daran kommen uns häufig Marmorpaläste, öffentliche Bäder und Wasserleitungen in den Sinn. Übersehen werden aber gerne die dunklen Seiten dieser Epoche – Sklaverei als entscheidender Wirtschaftsfaktor, erbärmliche Lebensbedingungen für die Armen, fürchterliche Seuchen und Hungersnöte. Immer wieder kam es zu großen Krisen, die von den Kaisern nicht immer gemeistert werden konnten. Zumal fehlte es den römischen Kaiser häufig an exekutiver Kontrolle. Alles in allem sehen wir hier gar nicht einmal so unterschiedliche Strukturen im Vergleich zum frühen Mittelalter. Zudem kam es auch in der Spätantike immer wieder zu Pogromen und zur Vernichtung wichtiger Schriften. Man denke nur an den Brand in der Bibliothek von Alexandria oder die Hinrichtung der Philosophin Hypatia. Religiöser Eifer war also kein Produkt des Mittelalters.
Technologisch hinkte das frühe Mittelalter der Spätantike also durchaus hinterher. Einen vergleichbaren Stand sollte es erst wieder im Spätmittelalter geben. Aber es griffe zu kurz, sich einzig auf diesen Aspekt zu konzentrieren. Schließlich stellen die technologischen und wissenschaftlichen Errungenschaften nur einen Teil des gesellschaftlichen Zusammenlebens dar.
Eine Übergangsphase?
Dies war das frühe Mittelalter sicherlich, aber nicht nur. Vielmehr lässt sich diese Zeit als eine Fortführung bereits bestehender Strukturen und Traditionen sehen, die sich nach und nach wandelten. Ohne das Fortbestehen einer übergreifenden römischen Identität teilte sich das weströmische Reich in mehrere Einzelreiche, die mehr oder weniger langlebig waren. Was dann in Form des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation offiziell die Nachfolge antrat, hatte schließlich mit dem eigentlichen römischen Reich nicht mehr allzu viel gemein. Dennoch wäre es falsch, hier von einem zivilisatorisch niedriger einzuordnenden Reich zu sprechen. Dafür wogen die eigenen Errungenschaften zu schwer.
Eine neue Ordnung
Am Ende zeigt sich, dass beide Epochen, Spätantike und Frühmittelalter, ganz eigene Entwicklungen hervorbrachten. Während technologisch sicherlich deutliche Rückschritte zu verzeichnen waren, legten die neuen Königreiche das Fundament des späteren Europa. Der Schwerpunkt der Macht verlagerte sich für lange Zeit nach Norden. Der christliche Glaube prägte die neuen Narrative, die von einer geeinten Christenheit erzählten. Die neuen Glaubenssätze prägten die Herrschaftsformen und ganz wesentlich das Feudalsystem. Es handelt sich beim Frühmittelalter also nicht nur um eine bloße Übergangszeit. Wir sehen eine Zeit vor uns, die eigene Entwicklungen hervorbrachte, neue Narrative schuf und für die Menschen in Europa richtungsweisende Veränderungen mit sich brachte. Mehr noch: Sie war ein entscheidender Schritt in die Zukunft.
Über den Autor
Daniel Ossenkop hat Geschichte, English Studies sowie Mittelalterliche Geschichte an der TU Braunschweig und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf studiert. Seine Masterarbeit zur Belagerung von Neuss durch den Burgunderherzog Karl den Kühnen 1475 ist 2014 im Diplomica-Verlag erschienen. Heute arbeitet er als Lehrer für Geschichte und Englisch.
Ein toller Beitrag der wieder einmal neue Erkenntnisse vermittelt.
Immer wieder eine Bereicherung aus der Geschichte.
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Vieles wusste ich nicht. Die Zusammenhänge kultureller und politischer Entscheidungen wird sehr gut umrissen und verständlich beschrieben. Die Informationen machen neugierig. Werde deshalb selbst Nachforschungen anstellen.
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