Der Holmgang in der Wikingerzeit

Duelle lassen sich in allen Epochen finden. Die Wikingerzeit ist da keine Ausnahme. Allerdings lohnt sich gerade hier ein genauerer Blick. Schließlich ranken sich insbesondere um die Nordmänner jede Menge Mythen und Legenden. In diesem Artikel soll genauer beleuchtet werden, welche rechtlichen Grundlagen bzw. Vorstellungen eine Rolle spielten, was vor und nach dem Holmgang passierte und wie das eigentliche Duell ablief. Es soll auch ein Blick darauf geworfen werden, warum das Duell überhaupt als probates Mittel für die Konfliktlösung erachtet wurde und welche Konsequenzen diese Praxis für die Gesellschaft des frühen Mittelalters in den entsprechenden Gebieten haben konnte. Als Quellen dienen zwei Sagas, die den Holmgang explizit beschreiben: Die Saga von Kormak dem Skalden und die Saga von Egil. Darüber hinaus werde ich auf Informationen aus „The Archaeology of Weapons“ von R. Ewart Oakeshott zurückgreifen. Detaillierte Quellenangaben finden Sie am Ende des Artikels.

Der Begriff „Holmgang“ und seine Bedeutung

Dieser setzt sich aus zwei Worten zusammen: Holm (Insel) und Gang. Ein Holmgang bezeichnet zunächst also den Gang zu einer Insel. Und tatsächlich wurde das Duell, sofern möglich, auf einer kleinen Insel ausgetragen. Dies gewährleistete zum einen, dass der Kampf bis zum Ende ausgetragen werden musste. Zum anderen verhinderte er, dass die Duellisten von außen gestört wurden. Der Holmgang ist dabei vom „Einvigi“ zu unterscheiden, einer einfacheren Form des Zweikampfes.

Das Duell war keine Erfindung des frühen Mittelalters. Zweikämpfe finden sich in allerlei Darstellungen früherer Epochen und bis heute. Die Gründe waren und sind dabei vielfältig. Rituale, Religion, Sport, Konflikte… die Liste ließe sich problemlos fortsetzen. Im Grunde spielte und spielt die Lösung bestimmter gesellschaftlicher Probleme eine Rolle. Streitigkeiten um Land, Frauen, Beute, Herrschaft oder Kränkungen sollten in einer geregelten Art und Weise beigelegt werden, ohne dass es zu langwierigen und verlustreichen Kriegen zwischen einzelnen Familien kam. Dass diese Vorgehensweise allerdings wiederrum Probleme mit sich bringen konnte, dazu später mehr.

Regeln, Kampfplatz und Ablauf

In der Wikingerzeit war es üblich, den Holmgang auf kleinen Inseln auszutragen. War dies nicht möglich, wurde ein Kampfplatz in der ungefähren Größe eines Boxringes, das Hoslur, eingerichtet. Das Zentrum bildete ein Mantel oder eine Tierhaut. Über den genauen Aufbau gibt uns Kormaks Saga Aufschluss:

„It was the law of the holmgang that the hide should be five ells long, with loops at its corners. Into these should be driven certain pins with heads to them, called tjosnur. He who made it ready should go to the pins in such a manner that he could see sky between his legs, holding the lobes of his ears and speaking the forewords used in the rite called „The Sacrifice of the tjosnur.“ Three squares should be marked round the hide, each one foot broad. At the outermost corners of the squares should be four poles, called hazels; when this is done, it is a hazelled field.“ Cf. https://sagadb.org/kormaks_saga.en (27.11.2022).

Hier eine Skizze eines solchen „eingehaselten“ Platzes:

Im Kampf selbst standen jedem Kämpfer drei Schilde zur Verfügung. Hatte er diese verloren, musste er sich mit seinen Waffen schützen. Der Herausgeforderte durfte den ersten Schlag ausführen. Der Kampf endete nicht mit dem Verlust der Schilde, so wie wir es beispielsweise im Film „Der dreizehnte Krieger“ sehen. Erst dann, wenn einer der Kontrahenten so stark blutete, dass der Boden damit benetzt wurde, endete das Duell. Das Töten des Gegners war dabei nicht die einzige Siegvoraussetzung, wenn auch durchaus eine Möglichkeit. Der Kampf endete auch, wenn einer der Kämpfer den Ring mit beiden Füßen verließ. In beiden Fällen hielt ein Begleiter ein Schild schützend über den Besiegten und der Kampf endete. Der Besiegte galt, sollte er noch am Leben sein, als Gefangener des Siegers und musste sich mit drei Silberstücken freikaufen. Ging es im Kampf um Besitzansprüche, so gingen diese nun an den Sieger über.

Über den Ablauf des Kampfes lässt sich Egils Saga folgendes entnehmen:

„And now Egil bade Ljot be ready.

‚I will,‘ he said, ‚that we now try to the uttermost this combat.‘

Ljot sprang swiftly to his feet. Egil bounded at him and dealt at once a blow at him. He pressed him so close, that he was driven back, and the shield shifted from before him. Then smote Egil at Ljot, and the blow came on him above the knee, taking off his leg. Ljot then fell and soon expired. Then Egil went to where Fridgeir and his party stood. He was heartily thanked for this work.“ Cf. https://sagadb.org/egils_saga.en (27.11.2022).

Wie zu sehen ist, dauerte das Duell nicht lange. Egil setzt Ljot hier frühzeitig stark unter Druck, treibt ihn zurück und schlägt ihm dann das Bein ab. Da es sich bei besagtem Ljot um einen berüchtigten Berserker handelte, wollte Egil den Kampf wohl so schnell wie möglich entscheiden. Er konnte hier nicht auf Gnade und ein anschließendes Freikaufen hoffen. Einen Eindruck vom Ablauf des Holmgangs vermittelt der folgende Kurzfilm:

Die verwendeten Waffen

Eisen war in Skandinavien Mangelware. Die Nordleute waren daher Experten darin, so viel wie möglich aus der kargen Erde zu fördern. Dennoch reichte es bei weitem nicht, große Mengen an Waffen und Rüstungen zu produzieren. Diese waren dementsprechend rar und meist wohlhabenden Familien vorbehalten. Gekämpft wurde meist mit Äxten, aber bisweilen kamen auch Schwerter zum Einsatz. Beide setzten eine gewisse Übung voraus, allerdings war es in Skandinavien üblich, schon im Kindesalter mit dem Training im Ringen und im bewaffneten Kampf zu beginnen. So kann davon ausgegangen werden, dass ein überwiegender Teil der Bevölkerung in der Lage war, Waffen effektiv zu gebrauchen. Die bekannten Rundschilde ergänzten die Ausrüstung. Rüstungen und Helme waren dagegen sehr selten. Meist befanden sich diese im Besitz der Jarls und Könige. Bisweilen konnten aber auch einfache Krieger durch das Beutemachen in den Besitz dieser wertvollen Stücke gelangen.

Das Problem mit Zweikämpfen zur Wahrheitsfindung

Wie bereits erwähnt, brachte die Praxis des Zweikampfes gewisse Probleme mit sich. Diese waren zunächst nicht moralischer, sondern ganz praktischer Natur. Zwar waren theoretisch alle Männer in gewisser Weise in der Lage, mit Waffen umzugehen. Aber auch damals schon gab es Profis und Amateure. So konnte es durchaus vorkommen, dass ein sehr erfahrener und fähiger Kämpfer ein Unrecht gegen einen unerfahrenen Streiter durchsetzen konnte, indem er ihn zum Duell forderte und besiegte. Es konnte auch vorkommen, dass sich diese Profikämpfer gezielt anheuern ließen. Und es konnte durchaus sein, dass die benachteiligte Sippe das Urteil im Nachhinein nicht akzeptzierte. Kein Wunder also, dass die Praxis des Holmgangs nicht dazu ausreichte, die blutigen Fehden innerhalb der skandinavischen Gesellschaften nachhaltig beizulegen. Dies vermochte nur eine starke Kraft, die von oben ordnend eingriff. Über diese Problematik findet sich auch ein interessanter Absatz in Egils Saga:

„Ljot’s death was little mourned, for he had been a turbulent bully. He was a Swede by birth, and had no kin there in the land. He had come thither and amassed him wealth by duels. He had slain many worthy landowners, whom he had first challenged to wager of battle for their lands and heritages; he had now become very wealthy both in lands and chattels.“Cf. Ebd.

Hier zeigen sich sehr eindeutig die angesprochenen Probleme. Ljot war ein Kämpfer von außerhalb und ohne Familie, der sich durch sein Können großen Reichtum ergaunert hatte. So verhasst er deswegen auch war, es brauchte erst einen anderen Kämpfer, um ihn zu stoppen und die gerechten Verhältnisse wiederherzustellen.

Das Duell im Wandel der Zeit

Der Holmgang sollte trotz aller Probleme nicht die letzte Form des Duells bleiben. Noch bis in das 20. Jahrhundert hinein kam es immer wieder zu Zweikämpfen unterschiedlichster Art. Die Gründe waren und sind sich dabei sehr ähnlich geblieben. Kränkungen standen stets ganz weit oben in der Liste der Begründungen für ein Duell. Doch auch die Rechtsfindung spielte immer wieder eine große Rolle. Nach und nach schafften es die meisten Staaten, dieser Praxis durch eine entsprechende Gesetzgebung einen Riegel vorzuschieben. Dennoch, auch heute duellieren sich Menschen – sei es in der schlagenden Burschenschaft oder im sportlichen Bereich. Duelle mit tödlichem Ausgang gehören in den meisten Fällen aber glücklicherweise der Vergangenheit an.

Quellen:

https://sagadb.org/kormaks_saga.en (27.11.2022).

https://sagadb.org/egils_saga.en (27.11.2022).

Literatur:

Oakeshott, R. Ewart: The Archaeology of Weapons. Arms and Armour from Prehistory to the Age of Chivalry. New York, 2017.

Über den Autor:

Daniel Ossenkop hat Geschichte, English Studies sowie Mittelalterliche Geschichte an der TU Braunschweig und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf studiert. Seine Masterarbeit zur Belagerung von Neuss durch den Burgunderherzog Karl den Kühnen 1475 ist 2014 im Diplomica-Verlag erschienen. Heute arbeitet er als Lehrer für Geschichte und Englisch.

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