Runen üben seit jeher eine magische Anziehung auf Menschen aus. Und tatsächlich wurde die Runenschrift häufig für magische Riten verwendet. Doch nicht nur das. Runensteine erinnern uns noch heute an alte Wikingerkrieger und Inschriften auf Gegenständen geben uns kleine Einblicke in den Alltag des mittelalterlichen Skandinaviens. Uralte Botschaften lassen uns Schlüsse ziehen über wichtige politische Ereignisse der Zeit. Schrift schafft Erinnerung und damit Unsterblichkeit. Glücklicherweise haben einige Runeninschriften bis heute überdauert. Doch wie sah das Runenalphabet aus, wie sind die Zeichen zu lesen und – mindestens genauso wichtig – zu verstehen? Die untersuchten Inschriften stammen von den bei Haithabu gefundenen Skarthi- und Erik-Steinen.
Grundlagen der Runenschrift
Bei der Runenschrift handelt es sich um eine sog. epigraphische Schrift. Das bedeutet, dass sie häufig als Inschrift auf bestimmten Materialien, vor allem Holz, Stein und Knochen zu finden ist. Runen besitzen keine Kursivschrift, werden also immer als Druckschrift geschrieben. Diese sicher zu deuten ist nicht immer einfach. Dies wird auch dadurch erschwert, dass Runen nicht richtungsbestimmt sind und ihre Formen bisweilen in verschiedene Richtungen streben. Darüber hinaus kann Runenschrift sowohl rechts- als auch linksläufig geschrieben und sogar auf den Kopf gestellt werden. Dazu kommt, dass es je nach Region unterschiedliche Schreibregeln geben konnte. Immerhin wurden auch damals schon Satzzeichen verwendet. Ein kleiner Punkt machte das Ende eines Satzes deutlich. So ist zwar das Lesen eines Runentextes möglich, eine Deutung des Inhaltes ohne das Kennen des entsprechenden Kontexts aber nicht. Wichtig zu beachten ist der Zusammenhang zwischen Lautwert und Runenname. In der beigefügten Tabelle wird dies deutlich. So lautet der Name für die Rune ᚠ (f) Vieh.
Das ältere „futhark“
| Rune | Buchstabe | Laut | Bedeutung |
| ᚠ | f | fehu | Vieh |
| ᚢ | u | uruz | Ur, Auerochs |
| ᚦ | p | purisaz | Thurse, Riese |
| ᚨ | a | ansuz | Ase |
| ᚱ | r | raido | Ritt, Wagen |
| ᚲ | k | kaunuan | Geschwür |
| ᚷ | g | gebo | Gabe |
| ᚹ | w | wunjo | Wonne |
| ᚺ | h | hagla | Hagel, Verderben |
| ᚾ | n | naudiz | Not |
| ᛁ | i | isa | Eis |
| ᛃ | j | jeran | (gutes) Jahr |
| ᛇ | i | i(h)waz | Eibe |
| ᛈ | p | perthro | unbekannt |
| ᛉ | z | algiz | Elch, Abwehr |
| ᛋ | s | sowilo | Sonne |
| ᛏ | t | tiwaz | Himmelsgott (Tyr) |
| ᛒ | b | berkanan | Birkenreis |
| ᛖ | e | ehwaz | Pferd |
| ᛗ | m | mannaz | Mensch, Mann |
| ᛚ | l | laguz | Wasser |
| ᛜ | n | ingwaz | Ing |
| ᛞ | d | dagaz | Tag |
| ᛟ | o | opalan | Erbbesitz |
Der Skarthi- und der Erik-Stein von Haithabu
Der Skarthi-Stein wurde im 10. Jahrhundert n.Chr. errichtet. Was ihn so besonders macht ist die Tatsache, dass er von einem gewissen König Sven für seinen treuen Gefolgsmann Skarthi errichtet worden war. Ein deutlicher Hinweis darauf, wie wichtig dieser Gefolgsmann für den Herrscher gewesen sein muss. Es wird vermutet, dass Skarthi mit Sven zusammen in England gekämpft hatte und mit ihm zusammen nach Haithabu gekommen war. Die Inschrift lautet wie folgt:
| Inschrift | Übersetzung |
| : suin : kunukr : sati : stin: uftir : skartha sin : himthiga : ias : uas : : farin : uestr : ian : nu : : uarth : tauthr : at : hitha : bu | „König Sven setzte diesen Stein für Skarthi, seinen Gefolgsmann, der nach Westen gefahren war, aber nun den Tod fand bei Haithabu.“ |
Ähnliches lässt sich auch am Erik-Stein zeigen. Dieser wurde zur Regierungszeit von König Sven von einem Kameraden Eriks errichtet.
| Inschrift | Übersetzung |
| x thurlf x risthi x stin x thansi x x himthigi x suins x eftir x erik x filaga x sin x ias x uarth : tauthr x tha x trekiar satu x um x haitha x bu x ian : han : uas : sturi : matr : tregr x x hartha : kuthr x | „Thorulf, der Gefolgsmann Svens, errichtete diesen Stein für seinen Kameraden Erik, der den Tod fand, als die Krieger Haithabu belagerten, und er war Steuermann, ein sehr angesehener Krieger.“ |
Auch hier zeigt sich, dass die Erinnerung an besondere Krieger ihren Mitmenschen wichtig war. Es lassen sich auch Rückschlüsse darauf ziehen, welche Eigenschaften als erstrebenswert angesehen wurden. Tapfere Krieger, die zudem fähige Seemänner waren, waren hoch geschätzt. Im Fall der Wikinger wohl wenig überraschend.
Runen auf gewöhnlichen Gegenständen
Neben den Runensteinen lassen sich auch auf Alltagsgegenständen Runen finden. Ob als Talisman, Botschaft oder auch als Designelement – Runen spielten in vielerlei Kontexten eine wichtige Rolle. Interessant sind in diesem Zusammenhang die sog. runakefli. Hierbei handelte es sich um Botschaften, die in hölzerne Stäbe geritzt wurden. Diese waren dann einfach und sicher zu transportieren, auch bei feuchter Witterung oder auf See.
Die Bedeutung von Schriftlichkeit in der Wikingerzeit
Worte haben Macht – das galt in allen Zeiten seit dem Beginn schriftlicher Aufzeichnungen. Denn Schrift, insbesondere Inschriften, überdauern sowohl ihre Verfasser als auch diejenigen, über die geschrieben wurde. Schrift wurde somit unersetzlich für die Erinnerungskultur und die Religion von Gesellschaften. Die Steine von Haithabu zeigen dies sehr deutlich. Sie warten an öffentlichen Orten aufgestellt und erinnerten nicht nur an die Taten der toten Krieger, sondern auch an die Werte der Gemeinschaft. Außerdem war und ist Schrift ein wichtiges Werkzeug für die Übermittlung von Nachrichten und unerlässlich für die Verwaltung von Gemeinschaften. All dies lässt sich auch im mittelalterlichen Skandinavien beobachten.