Drachen im europäischen Mittelalter – Mythos und Symbol

Drachen, diese mächtigen feuerspeienden Echsen, welche auf ihren enormen Flügeln majestätisch über Landschaften und Städte gleiten, mal freundlich, häufig zerstörerisch – dieses Bild existiert nicht erst seit Game of Thrones. Doch woher kommt die Idee von den Drachen ursprünglich? Welche Bedeutung hatten bzw. haben sie für die Menschen und welche Bedeutung hat der Mythos der Drachen? Diesen Fragen möchte ich mich in diesem Blogbeitrag widmen. Sind Sie bereit? Dann begleiten Sie mich auf eine spannende Reise durch die Geschichte der Drachen!

Ursprünge des Drachenmythos

Es ist bis heute nicht eindeutig beantwortbar, wann die Menschen das erste Mal über Drachen gesprochen haben. Fest steht aber, dass Drachen im kollektiven Gedächtnis vieler Kulturen tief verankert sind. Vielleicht geht ihre Darstellung auf die Wahrnehmung der Natur zurück, die gerade in Antike und Mittelalter häufig als bedrohlich wahrgenommen wurde. Raubtiere und Naturkatastrophen bedrohten immer wieder das Leben und die Existenz der Menschen. Gleichzeitig fehlten häufig rationale Erklärungen. Manche Forscher vermuten gar, dass zufällige Funde von Dinosaurierknochen die Fantasie der Menschen angeregt haben könnte. Klar ist, dass sich Beschreibungen von Drachen schon in frühen Texten und Bildern der Menschen finden lassen. Ein bekanntes Beispiel ist die Bibel. Hier erscheint der Drache als ein Symbol für das Böse, gar den Teufel selbst. Aus den religiösen Texten fand der Drachenmythos dann seinen Weg in weltliche Literatur, insbesondere die Sagenwelt. Nicht zufällig wird Siegfried durch seinen Sieg über den Drachen Fafnir bzw. dem Bad in dessen Blut zum Helden und (beinahe) unverwundbar.

Drachen im Mittelalter

In dieser Zeit symbolisierte der Drache häufig das Böse bzw. den Teufel. Nicht zufällig tötet St. Georg einen Drachen. Doch nicht nur für den Teufel selbst, auch für Unzivilisiertheit, Rohheit und Barbarei stand der Drache. Der tapfere Ritter, der einem solch schrecklichen Wesen mutig entgegentritt und ihn tötet, wird damit zum Symbol vom Sieg des Mutes über die bösen Kräfte in der Welt. Doch mehr als das – der Drache ist häufig eine zu meisternde Herausforderung. Erst wenn der Held diese gemeistert hat, wartet eine Belohnung auf ihn – sei es der Schatz der Nibelungen oder die Hand der schönen Prinzessin in Nöten. Gleichzeitig findet sich die Figur des Drachen in Wappen des Mittelalters wieder. In diesem Fall symbolisiert er diese Macht und Tapferkeit, die seine Überwindung erst möglich machten. Eine komplexe Beziehung also, die die Menschen im Mittelalter mit den Drachen pflegten. Kein Wunder also, dass Darstellungen von Drachen nicht nur häufig waren, sondern bisweilen sehr verschieden.

Darstellungen in Kunst und Literatur

Drachen und die mit ihnen in Beziehung tretenden Menschen sind in vielen Kunstformen präsent und waren dies auch in der Vergangenheit. Zunächst wären da literarische Darstellungen. Siefried und Fafnir, Beowulf und der wyrm, St. Georg und das sich im Drachen zeigende Böse, Tolkiens Smaug oder die Drachen des Hauses Targaryen – sie alle stehen in einer langen Tradition und in Beziehung zueinander. Dabei muss der Drache entweder im Kampf getötet werden, wie im Fall vom Siegfried. Oder er muss gezähmt werden, wobei er dann im Anschluss als Waffe und Herrschaftssymbol dient. Im Mittelalter taucht der Drache außerhalb von religiösen Texten in der sog. Epik auf. Darüber hinaus finden wir ihn in Gemälden und Wandmalereien sowie in der Heraldik (der Wappenlehre). Auch die Naturkundler beschäftigten sich mit den Drachen. Im „Liber de Natura Rerum“ von Thomas von Cantimpré aus dem 14. Jahrhundert werden Drachen als bedeutende Vertreter der Schlangen dargestellt, die sowohl natürliche als auch teuflische Eigenschaften verkörpern. Dies bedeutete aber keineswegs, dass alle Menschen seiner Zeit an Drachen geglaubt hätten. Das zeigt vor allem der Diskurs, der schon damals zwischen Gelehrten geführt wurde. Während einige die Drachen für real hielten und sie für bestimmte Naturereignisse verantwortlich machten (man denke nur an einen Waldbrand), so waren andere der Meinung, dass diese nur der lebhaften Fantasie einiger Spinner entsprungen seien.

Der Drache als Mythos und Symbol

Der Drache ist ein faszinierendes Symbol, das sich durch die Jahrhunderte hindurch gehalten hat und bis heute in verschiedenen Kulturen und Medien präsent ist. Drachen verkörpern archetypische Themen wie Macht, Gefahr, Weisheit und das Übernatürliche. Diese universellen Motive sprechen die menschliche Psyche an und ermöglichen es Drachen, in verschiedenen kulturellen Kontexten zu gedeihen. Ihre Darstellung als sowohl bedrohliche als auch weise Wesen spiegelt die duale Natur menschlicher Erfahrungen wider – die Angst vor dem Unbekannten und die Suche nach Wissen und Verständnis. Im Mittelalter wurden Drachen oft als reale, wenn auch mythische Kreaturen betrachtet, die in religiösen und literarischen Texten eine bedeutende Rolle spielten. Mit der Aufklärung und dem Aufkommen der modernen Wissenschaft begannen die Menschen, die Welt rationaler zu betrachten, was zu einem Wandel in der Wahrnehmung von Drachen führte. Sie wurden zunehmend als Symbole für das Fantastische und das Unbekannte in der Literatur und Kunst interpretiert, was ihren Platz in der modernen Fantasy-Literatur und in Filmen festigte.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Drache als Symbol zwischen Mythos und Realität eine bemerkenswerte Evolution durchlaufen hat. Von seinen Wurzeln in der mittelalterlichen Mythologie bis hin zu seiner modernen Darstellung in der Fantasyliteratur und in Filmen bleibt der Drache ein kraftvolles und faszinierendes Symbol, das die menschliche Vorstellungskraft anregt und die tiefen Fragen des Lebens und der menschlichen Erfahrung reflektiert. Abschließend habe ich Ihnen einige bekannte Sagen zusammengestellt, in denen Drachen bedeutende Rollen spielen:

Bekannte Drachensagen

Lindwurm von Lambton

Die Sage vom Lindwurm von Lambton (engl. Lambton Worm) stammt aus Nordostengland und erzählt die Geschichte eines schlangenähnlichen Drachen, der das Dorf Lambton in der damaligen Grafschaft Durham terrorisierte. Diese Erzählung gehört zu den bekanntesten und detailreichsten Drachensagen Großbritanniens. Sie wurde in zahlreichen Märchenbüchern festgehalten und inspirierte eine Oper, einen Film sowie ein Volkslied. Im Vergleich zu anderen britischen Drachensagen fällt der Lindwurm von Lambton besonders durch seine stark religiös geprägten Elemente auf.

Nibelungenlied

Das Nibelungenlied ist ein mittelalterliches Heldenepos, dessen heute bekannte Fassung Anfang des 13. Jahrhunderts in Mittelhochdeutsch verfasst wurde. Der Stoff, auf dem das Werk basiert, reicht jedoch viel weiter in die Vergangenheit zurück und ist Teil der älteren Nibelungensage. Eine zentrale Rolle spielt Siegfried der Drachentöter, der nach seinem Sieg über den Drachen Fafnir in dessen Blut badet und dabei beinahe unverwundbar wird.

Beowulf

Beowulf [ˈbeːoˌwʊlf], möglicherweise altenglisch für „Bienen-Wolf“ (eine Kenning für „Bär“), ist ein frühmittelalterliches episches Heldengedicht, das in angelsächsischen Stabreimen verfasst wurde. Mit seinen 3182 Versen ist es das bedeutendste überlieferte Werk der angelsächsischen Literatur und macht etwa zehn Prozent des erhaltenen Textkorpus dieser Sprache aus. Das Epos entstand vermutlich nach dem Jahr 700, spielt jedoch in der Zeit vor 600 n. Chr. in Skandinavien. Wie bei vielen mittelalterlichen Werken existiert kein zeitgenössischer Titel, und erst seit dem 19. Jahrhundert wird das Gedicht nach seinem Helden Beowulf benannt. Der Held wird am Ende von einem Drachen tödlich verwundet und stirbt.

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