„Mien Vader, mien Vader, horche mal ruut! Dat huult da butten, dat huult sau luut; dat bellt und schtampt, dat gröölt und brüllt hoch övver den Bömen grulich und wild!
Mien Kind, dat is ne böse Macht; mien Kind, dat is de wille Jagd!“ – J.G.Kohl
So schreibt der Schriftsteller J.G. Kohl zu Beginn des 19. Jahrhunderts über das Phänomen der Wilden Jagd. Diese lautstark über den Himmel ziehende Geisterkavalkade findet sich in volkstümlichen Erzählungen in verschiedenen Regionen Europas. In diesem Artikel möchte ich insbesondere auf die Bedeutung dieser alten Sage eingehen. Hierzu werde ich zunächst einige Quellenzitate etwas näher beleuchten und dann eine entsprechende Deutung vornehmen.
Die Wilde Jagd in der Zimmerischen Chronik
Besonders detaillierte Beschreibungen der Wilden Jagd finden sich in der Zimmerischen Chronik. Sie ist die Familienchronik der schwäbischen Herren von Zimmern und wurde 540/1558 bis 1566 von Froben Christoph von Zimmern geschrieben.
Hier finden wir folgende Beschreibung der Wilden Jagd, die der Junker von Seckendorf über den Nachthimmel ziehen sieht:
„Unlangs darnach do hat er ein wunderbarliche reuterei gesehen , ein tail haben kaine köpf gehapt, nur ain arm, die ross etwann nur zwen füefs, auch ohne ein haupt; vil fuefsgenger sein mitgeloffen, under denen etwann der ain auch nur ain Schenkel, etwann einer mit einer handt, vil ohne häupter, ein tail halber verbrent, vil, die blose Schwerter durch den leib gehapt. In soma, es ist ein sollichs seltzams, abenteurigs gesündle bei ainandern gewesen, dergleichen er sein lebenlang nit gesehen gehapt, ich geschweig das gedöfs und prausen, das im luft umbher und dem häufen nachgefaren. Aber under diesem häufen allen ist nichs gewest, darab er sich mehr verwundert, als ab ainem raisigen man, der hat ein weisen, dürren, magern und hinkenden gaul an der handt gefüert, hat ain schlecht claidt angehapt und ist also verwundet gewesen, das im die derm userm leib gangen und über das claidt und das ross hinab gar nahe dem boden eben gehangen sein.“
Es handelte sich in diesem Fall um eine Reiterschar, die unter lautem Getöse über den Nachthimmel zieht. Ihr Aussehen ist dabei durchaus schaurig. Die Körper der Geister seien verstümmelt gewesen, einige hätten keinen Kopf gehabt. Andere seien von Schwertern durchbohrt gewesen. Auffällig ist die Beschreibung eines tödlich verwundeten Mannes mit einem lahmen Gaul. Seine Wunden sind so schwer, dass ihm seine Innereien aus dem Körper hängen. Eine schauerliche Erscheinung, die ihre Wirkung auf den Junker nicht verfehlt.
Noch interessanter wird es im nächsten Abschnitt. Von Seckendorf trifft auf einen Reiter der Wilden Jagd. Er befragt diesen nach dem seltsamen Schauspiel und wer der schwer verwundete Mann auf dem lahmen Pferd sein.
„Derselb hat im geantwurt, es seie das wueteshere. Do hat er in abermals gefragt, wer aber der seie, so das mager pferdt an der handt füere und dem das gederm über das ross hinab hange. Do hat er widerumb gesagt: »Es gehört dem von Seckendorf zu«, damit hat er in, von Seckendorf, mit dem taufnammen genempt, »der soll von dem von Erlikom kom , seinem feindt , uf eim solchen weisen , mageren ross von heut über ain jar gewisslichen erschossen werden, und im wurt sein gederm also userm leib über die claider und das pferdt herabhangen.“
Von Seckendorf hatte sich also selbst im Gefolge der Wilden Jagd gesehen! In einem Jahr sollte er erschossen werden und dann für alle Ewigkeit der Geisterkavalkade über den Himmel folgen. Um diesem Schicksal zu entgehen, überschrieb er seine Güter seinen engsten Freunden und ging als Laienbruder ins Kloster Maulbronn. Doch es nützt alles nichts: Auf den Tag genau ein Jahr später spürt ihn von Erlikom im Kloster auf. Von Seckendorf will fliehen, springt auf einen klapprigen Gaul und wird auf diesem von seinem Feind mit einem Pfeil getötet. So stirbt er genauso, wie es ihm das Erscheinen der Wilden Jagd prophezeit hatte.
Die Anführer der Wilden Jagd
Dietrich von Bern, wie der Gotenkönig Theoderich der Große in der Sage genannt wird, tritt bisweilen als Anführer der Wilden Jagd in Erscheinung:
„Wenn die Wilde Jagd über die Lande braust, dann glaubt [das Volk], daß Dietrich dem Zuge voranreitet. Furchtsam schlagen die Menschen das Kreuz, denn nach alten Sagen bedeutet Dietrichs erscheinen das baldige Ausbrechen eines großen und schrecklichen Krieges.“
Im skandinavischen Raum ist es hingegen Odin, der die Jagd auf seinem Ross Sleipnir anführt. Odensjakt („Odins Jagd“), Oskorei, Aaskereia oder Åsgårdsrei („der asgardische Zug“, „Fahrt nach Asgard“) sind hier gängige Bezeichnungen.
Deutung
Eine eindeutige Interpretation der Wilden Jagd gibt es nicht. Am schlüssigsten erscheint mir die Deutung des Germanisten Otto Höfler, der die Wilde Jagd in Verbindung mit dem Totenkult bringt. Angesichts der Beschreibungen der verstümmelten Mitglieder des Zuges erscheint dies logisch. Wir sehen hier zudem Menschen, die eines gewaltsamen Todes gestorben sind und keine letzte Ölung erhalten konnten. Laut römischem Glauben war dies aber notwendig, um das Himmelreich erreichen zu können. In den hier untersuchten Textstellen handelt es sich zudem um ehemalige Soldaten und Ritter, die vor ihrem Ableben selbst zahlreiche Leben genommen haben.
Etwas anders verhält sich dies in den skandinavischen Darstellungen. Odins Gefährten erscheinen hier vielmehr als wilde Krieger, die kampfeslustig über den Himmel ziehen.
Vielleicht entstanden die Sagen aber auch aus der Angst vor Naturerscheinungen heraus, auf die sich die Menschen im Mittelalter häufig keinen Reim machen konnten. Unheimliche Geräusche in der Nacht, eisige Winterstürme und Naturkatastrophen hätten die Geschichten um die Wilde Jagd entstehen lassen können.
Die Wilde Jagd fasziniert dabei bis heute und ihre Symbolik wird gerne in der modernen Popkultur aufgegriffen, so beispielsweise in der Witcher-Saga von Andrzej Sapkowski.
Fazit
Die Wilde Jagd ist nicht nur ein faszinierendes Element der europäischen Folklore, sondern spiegelt auch tief verwurzelte menschliche Ängste und kulturelle Überzeugungen wider. Die schaurigen Beschreibungen der Geisterkavalkade und die unheimlichen Begegnungen, wie sie in den Quellen dokumentiert sind, lassen uns die düstere Atmosphäre vergangener Zeiten spüren. Die Verbindung zur Natur, zu Tod und Vergänglichkeit wird besonders deutlich, wenn wir die Gestalten der Wilden Jagd betrachten, die oft als Geister der Verstorbenen erscheinen, die durch unvollendete Geschäfte oder gewaltsame Tode an diese Welt gebunden sind.
Diese Sagen geben uns einen Einblick in die psychologischen und sozialen Dimensionen des menschlichen Lebens im Mittelalter. Sie zeugen von einem tiefen Verständnis für das Unbekannte und das Übernatürliche, das die Menschen dazu brachte, Geschichten zu erzählen, um ihre Ängste zu bewältigen. Zudem verdeutlicht die Vielgestaltigkeit der Figuren, wie Dietrich von Bern und Odin, die kulturellen Unterschiede innerhalb Europas und den Austausch von mythologischen Motiven.
In der heutigen Zeit erleben wir eine Renaissance dieser alten Erzählungen in der Popkultur, sei es in Literatur, Film oder Videospielen. Diese modernen Interpretationen der Wilden Jagd erlauben es uns, erneut über die Themen von Tod, Gewalt und die Suche nach Sinn nachzudenken. Sie erinnern uns daran, dass die alten Geschichten, trotz ihres Alters, auch heute noch relevant sind und uns helfen, die komplexen Aspekte des Lebens zu verstehen.
Insgesamt ist die Wilde Jagd ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Mythen und Legenden nicht nur die Vergangenheit widerspiegeln, sondern auch die Gegenwart prägen und uns auf die Herausforderungen und Geheimnisse des Lebens hinweisen können.