Ihr Gesang klingt himmlisch – doch wehe dem Seemann, der der Versuchung erliegt und sich über Bord wagt! Die Sage der Sirenen, die männliche Seeleute betören und in ein nasses Grab locken geht bis in die Antike zurück, findet sich aber auch noch in der Literatur des Mittelalters. In diesem Artikel werfen wir einen genaueren Blick auf den Inhalt sowie die Entwicklung dieser Sage und prüfen ihre Bedeutung in verschiedenen Epochen.
Wer waren die Sirenen?
Die Seirenes, wie sie bei Homer auch genannt werden, haben klare Namen, denen sich bestimmte Eigenschaften zuordnen lassen:
- Aglaophonos („die mit der schöneren Stimme“; Varianten u. a.: Aglaope („herrliche Stimme“), Aglaopheme („süße Rede“))
- Himeropa („sanfte Stimme“)
- Leukosia („die Weiße“)
- Ligeia („die Helltönende“)
- Molpe („Lied“)
- Parthenope („Mädchenstimme“)
- Peisinoe („die Überredende“)
- Thelxiope („bezaubernde Stimme“; Varianten u. a.: Thelxinoe („den Geist Fesselnde“), Thelxiepeia („Bezaubernde“))
Quelle: Wikipedia
Wo die Sirenen genau herkamen oder wer ihre Eltern sein könnten, wird bei Homer nicht erwähnt. Für den Verlauf der Odyssee ist das auch nicht weiter erheblich. Odysseus und seine Mannschaft werden rechtzeitig vor den Sirenen gewarnt und verstopfen ihre Ohren mit Wachs. Odysseus selbst lässt sich mit offenen Ohren an den Mast binden und wird beinahe wahnsinnig durch den Gesang der Sirenen. Zum Glück kann seine Mannschaft seinen Befehl, ihn gefälligst loszubinden, nicht hören. Ansonsten hätte er seine Frau Penelope wohl nie wiedergesehen. Wer übrigens gedacht hätte, dass die Sirenen wie wunderschöne Frauen aussahen und die Männer so angelockt hätten, irrt übrigens. Sie werden mit Vogelköpfen beschrieben. Dies soll nach Homer ihr Gesang gewesen sein:
Komm, besungener Odysseus, du gro-
ßer Ruhm der Achaier!
Lenke dein Schiff ans Land und hor-
che unserer Stimme.
Denn hier steuerte noch keiner im
schwarzen Schiffe vorüber,
eh er dem süßen Gesang aus unserem
Munde gelauschet.
Und dann ging er von hinnen, ver-
gnügt und weiser wie vormals.
Uns ist alles bekannt, was ihr Argeier
und Troer
Durch die Götter Verhängnis in Tro-
jas Fluren geduldet:
Alles, was irgend geschieht auf der le-
bensschenkenden Erde!
(Homer 2007, XII, 184ff.)
Nachdem sie an Odysseus gescheitert waren, so die Sage, begingen die Sirenen Selbstmord. In einer anderen Version der Geschichte stürzen sie sich nach einem verlorenen Gesangswettbewerb mit den Musen ins Meer und verwandeln sich in Felsen.
Die Sirenen im Mittelalter
Doch die Vorstellung der Sirenen verschwand nicht mit der Antike. Die Kirche griff die alten Sagen wieder auf und verwendete die Sirenen als Beispiel für die Gefahren durch die Verführungen der Sinneslust. In eine ähnliche Situation wie Odysseus und seine Mannschaft gerät ein gewisser Reinfried in dem Reise- und Liebesroman „Reinfried von Braunschweig“: Auch er überlebt, indem er sich an den Mast binden lässt und sich seine Mannschaft die Ohren mit Wachs verschließt. Auch im „Tristan“ des Gottfried tauchen Sirenen auf und ziehen die Schiffe nicht nur mit ihrem Gesang, sondern auch mit einem Magnetstein an. Rudolf von Ems erwähnt die Sirenen außerdem in seiner Weltchronik. Zudem finden sich Darstellungen von Sirenen in der Lyrik der Minne.
Enzyklopädien und Bestiarien
Doch nicht nur in der Literatur, sondern auch in den mittelalterlichen Naturwissenschaften wurden Sirenen thematisiert.
Beispiel 1:
Es gibt Wesen im Meer, die Sirenen
heißen; sie singen aber mit ihren Stim-
men lieblich wie Musen und wenn die
Vorüberfahrenden ihre Weisen hören,
stürzen sie sich ins Meer und kommen
um. […] Es gibt manche, die sich mit
der Gemeinde versammeln und den
Anschein von Frömmigkeit erwecken,
deren Wirkung aber nicht zeigen; so
sind sie in der Gemeinde wie Men-
schen, doch wenn sie sich von der
Gemeinde entfernt haben, werden sie
zu Tieren. Solche nun sind Abbilder
von Sirenen und Kentauren, nämlich
feindlicher Mächte und lästernder
Häretiker.
(Physiologus, 2005, 137-161)
Beispiel 2:
Sie sagen, dass es drei Sirenen gab,
teils Jungfrauen, teils Vögel, mit Flü-
gel und Krallen ausgestattet. Die erste
Sirene singt mit ihrer Stimme, die
zweite spielt die Flöte, die dritte spielt
die Leier. Ihr Gesang bringt unerfah-
rene Seeleute in die Gefahr des Schiff-
bruchs. In Wahrheit sind sie Prosti-
tuierte, die die Vorbeigehenden in die
Armut stürzen, daher heißt es, dass sie
Schiffbruch verursachen. Sie haben so-
wohl Flügel als auch Krallen, denn die
Liebe fliegt und sie verletzt. Es heißt,
dass sie in den Gewässern wohnen,
seit die Wellen Venus gebaren.
(Isidor, 2008, XI, III, 3, 30-31)
In diesen Darstellungen lassen sich auch die Verweise auf die Gefahren der Sünde und der Sinneslust wiederfinden. Die Menschen sollten immer auf diejenigen in der Gemeinschaft achten die zwar harmlos wirkten, in Wirklichkeit aber deren moralischen und religiösen Fall im Sinn hatten. Die Kirche, die als einzige die Literatur der Antike reproduzierte und interpretierte, nutzte ihr Wissen hier dazu, die Gläubigen in ihrem Sinne zu erziehen.
Die Sirenen in der Neuzeit und Popkultur
Obwohl die Sirenen ursprünglich aus der antiken Mythologie stammen, hat ihre Faszination bis in die Neuzeit nicht nachgelassen. Vom Mittelalter über die Renaissance bis hin zur modernen Popkultur haben sie zahlreiche Wandlungen durchlebt. Während sie in der Antike als vogelköpfige Wesen beschrieben wurden, setzte sich später das Bild der schönen, verführerischen Meerjungfrau durch – ein Wandel, der bis heute in Literatur, Kunst, Musik und Film weiterlebt.
Sirenen in der Kunst und Literatur
Bereits in der Renaissance kehrte das Motiv der Sirenen verstärkt in Kunst und Dichtung zurück. Ein berühmtes Beispiel ist das Gemälde „Odysseus und die Sirenen“ (1891) von John William Waterhouse, das die klassische Szene aus der Odyssee darstellt. Auch in der romantischen Literatur tauchen Sirenen auf, oft als Sinnbild der gefährlichen, aber anziehenden Weiblichkeit.
Ein weiteres Beispiel findet sich in Hans Christian Andersens Märchen Die kleine Meerjungfrau (1837), das von der unglücklichen Liebe eines Meerwesens zu einem Menschen erzählt. Während Andersens Meerjungfrau eine tragische Figur ist, die sich selbst für ihre Liebe opfert, greift die Geschichte dennoch auf das uralte Motiv der Wasserwesen zurück, die Menschen betören.
Sirenen im Film und Fernsehen
Auch in modernen Filmen und Serien sind Sirenen immer wieder präsent, wenn auch oft in abgewandelter Form:
- Disney’s Arielle, die Meerjungfrau (1989) basiert lose auf Andersens Märchen, allerdings ohne die dunklen Elemente der ursprünglichen Sage.
- In Pirates of the Caribbean: Fremde Gezeiten (2011) treten Sirenen wieder als gefährliche, verführerische Wasserwesen auf, die Seeleute mit ihrem Gesang locken, um sie dann ins Verderben zu reißen.
- Die Serie „Sirens“ (2018) interpretiert das Motiv neu, indem sie eine düstere Version von Meerjungfrauen als rätselhafte, übernatürliche Kreaturen zeigt.
- Auch in der „Harry Potter“-Reihe kommen Sirenen vor: Im Trimagischen Turnier begegnet Harry Potter einer Gruppe Meermenschen, die von der ursprünglichen Sirenen-Sage inspiriert sind.
Musik und Symbolik der Sirenen heute
Sirenen sind auch in der Musik ein beliebtes Motiv. Der Begriff „Sirenenklang“ wird oft verwendet, um betörende, unwiderstehliche Stimmen zu beschreiben. In der Rock- und Popmusik taucht das Bild der Sirene häufig als Symbol für eine gefährliche, verführerische Frau auf. Beispiele hierfür sind:
- „Siren“ von Pearl Jam
- „Song to the Siren“ von Tim Buckley, das oft als hypnotisch und melancholisch beschrieben wird
- „Siren“-Alben und Songs von Künstlern wie Roxy Music, Nightwish oder Tori Amos
Ein Mythos, der nie vergeht
Die Sage der Sirenen hat sich über Jahrtausende hinweg immer wieder gewandelt und neu interpretiert. Während sie in der Antike noch tödliche, vogelköpfige Wesen waren, entwickelte sich im Laufe der Zeit das Bild der wunderschönen Meerjungfrau, das bis heute in Filmen, Büchern und Liedern lebendig ist. Doch ihr Kernmotiv bleibt dasselbe: die unheimliche Faszination für das Unbekannte, das uns anzieht – und zugleich ins Verderben stürzen kann.
Fazit: Die Sirenen – Ein Mythos, der die Zeiten überdauert
Die Sage der Sirenen hat im Laufe der Jahrhunderte eine beeindruckende Entwicklung durchlaufen. Während sie in der Antike als vogelköpfige Wesen dargestellt wurden, die mit ihrem betörenden Gesang Seeleute ins Verderben stürzten, wandelte sich ihr Bild im Mittelalter zu einem Sinnbild für die Verführung und die Gefahren der Sinneslust. Die Kirche nutzte den Mythos, um moralische Lehren zu verbreiten und die Gläubigen vor sündhaften Versuchungen zu warnen.
Mit der Neuzeit änderte sich die Darstellung der Sirenen erneut. In Kunst und Literatur der Renaissance und Romantik wurden sie zunehmend als verführerische Meerjungfrauen beschrieben – ein Bild, das bis heute die Popkultur prägt. Ob in Märchen wie Die kleine Meerjungfrau, in Filmen wie Pirates of the Caribbean oder in der Musik – die Faszination für Sirenen ist ungebrochen. Sie stehen weiterhin für eine gefährliche, aber unwiderstehliche Anziehungskraft, für den Reiz des Unbekannten und die Schattenseiten menschlicher Sehnsüchte.
Diese kontinuierliche Wandlung zeigt, dass Mythen nicht statisch sind, sondern sich an kulturelle und gesellschaftliche Gegebenheiten anpassen. Die Sirenen sind ein Paradebeispiel dafür, wie eine Erzählung aus der Antike über Jahrtausende hinweg immer wieder neue Bedeutungen erhält und sich in unterschiedlichen Medien manifestiert – von Homers Odyssee bis hin zur modernen Popkultur. Ihr Gesang mag sich verändert haben, doch ihre Wirkung bleibt zeitlos.