Wenn wir heute an Russland denken, sehen wir eine Nation mit gewaltiger geografischer Ausdehnung und komplexer Geschichte. Doch der Weg zu dieser Größe begann im Mittelalter – mit zerbrechlichen Fürstentümern, kriegerischen Einflüssen und einem allmählichen Machtzuwachs Moskaus. In diesem Artikel reisen wir zurück zu den Anfängen des russischen Staates bis zur Krönung des ersten Zaren im Jahr 1547.
Die Kiewer Rus
Die Geschichte Russlands beginnt mit der Kiewer Rus, einem lockeren Zusammenschluss ostslawischer Fürstentümer, der im 9. Jahrhundert entstand. Gegründet wurde dieser frühe Staat von Warägern – skandinavischen Händlern und Kriegern –, die entlang der Flüsse Handel trieben und Herrschaftsstrukturen aufbauten. Das Zentrum dieser Rus war Kiew, eine bedeutende Stadt an der Handelsroute zwischen Ostsee und Schwarzem Meer.
Ein Meilenstein war die Christianisierung durch Fürst Wladimir im Jahr 988. Durch die Annahme des orthodoxen Christentums orientierte sich die Rus kulturell und religiös am Byzantinischen Reich. Dieser Schritt sollte langfristig die russische Identität prägen – bis heute.

Zerfall und Fremdherrschaft: Die Mongolenzeit
Im 12. Jahrhundert begann der Zerfall der Kiewer Rus. Lokale Fürsten gewannen an Macht, es kam zu inneren Konflikten, und die einstige Einheit löste sich auf. In diese Phase der Schwäche fielen die Mongoleninvasionen: 1237–1240 unterwarfen die Truppen des mongolischen Anführers Batu Khan weite Teile des heutigen Russland.
Die Folge war die sogenannte „Tatarenherrschaft“ oder „Mongolenjoch“, unter der die russischen Fürstentümer rund 250 Jahre lang Tribute zahlen mussten. Die Mongolen hielten sich meist im Hintergrund, überließen die Verwaltung den lokalen Fürsten – doch ihre Dominanz prägte Politik, Wirtschaft und Gesellschaft stark.
Aufstieg Moskaus: Vom Fürstentum zur Führungsmacht
In dieser Zeit begann der Aufstieg eines bis dahin unbedeutenden Fürstentums: Moskau. Strategisch günstig gelegen und loyal gegenüber den mongolischen Herrschern, gewann Moskau an Einfluss. Besonders Iwan I. Kalita („Geldsack“) nutzte die Rolle als Steuereintreiber der Mongolen, um seine Machtbasis auszubauen.
Im 14. und 15. Jahrhundert entwickelte sich Moskau zum politischen Zentrum des alten Rus-Gebiets. Der entscheidende Schritt zur Unabhängigkeit kam unter Iwan III. (der Große), der 1480 das Ende der mongolischen Oberherrschaft einleitete und sich selbst zum „Herrscher aller Rus“ erklärte. Mit seiner Heirat mit der Nichte des letzten byzantinischen Kaisers betonte er zudem den Anspruch Moskaus, das Erbe des Byzantinischen Reiches anzutreten – die Idee vom „Dritten Rom“ war geboren.

Iwan der Schreckliche und das Ende des Mittelalters
Der mittelalterliche Weg Russlands kulminierte in der Krönung von Iwan IV. im Jahr 1547 – besser bekannt als Iwan der Schreckliche. Mit ihm begann die Geschichte des Zarenreichs, und die mittelalterliche Periode fand ein symbolisches Ende. Iwan führte zentrale Reformen durch, schuf ein stehendes Heer und unterwarf die letzten rivalisierenden Fürstentümer. Zugleich herrschte er mit brutaler Gewalt, insbesondere gegen den Adel und vermeintliche Verräter.
Fazit
Die mittelalterliche Geschichte Russlands ist eine Geschichte des Wandels – von einer lockeren Stammesgesellschaft über einen frühen Staat hin zu einem zentralisierten Machtzentrum. Kiew, Nowgorod, Wladimir und schließlich Moskau standen im Zentrum eines langen Prozesses, der das Fundament für das spätere russische Imperium legte. Die Mongolen, oft als Fremdherrscher gesehen, spielten paradoxerweise eine wichtige Rolle in der russischen Staatswerdung. Am Ende des Mittelalters stand ein neues Russland – geeint, autokratisch, ehrgeizig.