Richard Löwenherz (1157 – 1199) gehört sicherlich zu den bekanntesten englischen Monarchen des Mittelalters. Der aus dem Herrschergeschlecht der Plantagenets stammende Richard erfreut sich aber nicht nur großer Popularität (damals wie heute), er wird von einigen Forschern auch kritisiert. Während er für die einen ein strahlender Ritter und König ist, stellt er für die anderen einen egoistischen Machtmenschen dar, der sich nur selten in England aufhielt und stattdessen seinen Ruhm auf fernen Schlachtfeldern suchte. Wie so oft befindet sich die Wahrheit in der Mitte, falls wir sie überhaupt zuverlässig bestimmen können. Sicherlich war Richard ein vielfältiger Herrscher – mit Erfolgen und Misserfolgen, so wie seine Vorgänger und Nachfolger. Dieser Artikel soll diese wechselhafte Laufbahn beleuchten und am Ende sollten wir in der Lage sein, uns ein eigenes Urteil zu bilden. Lassen Sie uns also beginnen.
Abstammung und Herkunft
Richard Löwenherz ((französisch Richard Cœur de Lion, englisch Richard the Lionheart) war der drittgebohrene Sohn des englischen Königs Heinrich II. und dessen Frau Eleonore von Aquitanien. Die Erziehung der Königssöhne übernahm der Kanzler des Königs, Thomas Becket. Die Ausbildung folgte dabei dem klassischen Curriculum der Zeit. So lernte Richard schon früh klassisches Latein. Ab 1171 bereiste er mit seiner Mutter Eleonore den Süden Frankreichs. Hier lernte er die Kultur und Musik Aquitaniens kennen. Später erhielt er die Grafschaft Poitu sowie das Herzogtum Aquitanien zur Verwaltung übertragen – so lernte er an ganz praktischen Beispielen die Arbeit eines Herrschers kennen. Mit 14 Jahren wurde Richard schließlich volljährig – und war zu diesem Zeitpunkt bereits bestens auf eine Rolle als Herrscher vorbereitet.

Der Kampf um die Thronfolge
Genau in diesem Alter wurde Richard im Juni 1172 in der Abtei von St. Hilaire in Poitiers als Herzog von Aquitanien eingesetzt. Auch seine Brüder erhielten Ländereien durch ihren Vater, allerdings brach schon kurz darauf eine Revolte gegen den König los – seine Söhne fühlten sich ungerecht behandelt. Forscher gehen zudem davon aus, dass Eleonore von Aquitanien, Heinrichs Ehefrau, ihre Hand im Spiel hatte. Wie dem auch sein, es kam zu bewaffneten Auseinandersetzungen, die der König für sich entscheiden konnte. 1174 wurde ein Ausgleich ausgehandelt, in dessen Rahmen Richard die Hälfte der Einnahmen aus Aquitanien sowie zwei Residenzen. Es wurde zudem die Hochzeit mit der Schwester des französischen Königs Philipp II. vereinbart. Mit diesem schmiedete er ab 1187 ein enges Bündnis, um Druck auf seinen Vater auszuüben. Nach zahlreichen militärischen Erfolgen gegen aufständische Adlige in Aquitanien hatte er sich zudem einen Ruf als Feldherr erworben – allerdings auch als grausamer Besatzer.
Nach zahlreichen Verhandlungen und Vereinbarungen wurde Richard Löwenherz am 3. September 1189 nach dem Tod seines Vaters zum englischen König gekrönt.
Richard der Kreuzfahrer
Nach seiner Krönung im September 1189 richtete Richard seine gesamte Politik auf den Kreuzzug aus. Um die enormen Kosten zu decken, verkaufte und verpachtete er beinahe alles, was nicht festgenagelt war: Ämter, Burgen, Sheriffbezirke, Ländereien. Chronisten berichteten sarkastisch, Richard hätte sogar London verkauft, wenn sich ein Käufer gefunden hätte. Dennoch verließ er sich nicht nur auf Geld: Die Verwaltungsstruktur seines Vaters blieb weitgehend unangetastet. Er setzte auf erfahrene Amtsträger wie Wilhelm Longchamp und Richard Fitz Neal, um während seiner Abwesenheit Ordnung im Reich zu sichern. Parallel dazu betrieb er Außenpolitik: Die geplante Heirat mit Berengaria von Navarra sollte seine Position in Aquitanien stärken und mögliche Angriffe iberischer Herrscher verhindern.
Im Frühjahr 1190 traf sich Richard mehrfach mit dem französischen König Philipp II., um Frieden zwischen ihren Reichen zu sichern. Doch das gegenseitige Misstrauen war so groß, dass beide gleichzeitig von Vézelay aus aufbrachen, um nicht als erster unterwegs zu sein. Richard erreichte Sizilien im September 1190. Während Philipps Ankunft kaum Aufmerksamkeit erregt hatte, inszenierte Richard seinen Einzug in Messina prunkvoll – ein Hinweis auf seinen Anspruch, die Führungsfigur des Kreuzzugs zu sein.
Sizilien befand sich zu dieser Zeit wegen eines Thronstreits im Chaos. Richard mischte sich ein, eroberte Messina und erzwang die Freilassung seiner Schwester Johanna. Der lokale König Tankred kaufte sich daraufhin mit Gold frei und versprach ein Bündnis. Gleichzeitig löste Richard sein altes Verlöbnis mit der französischen Prinzessin Alice – unter der demütigenden Behauptung, sein Vater habe mit ihr eine Affäre gehabt. Diese politische wie persönliche Beleidigung vergiftete sein Verhältnis zu Philipp dauerhaft.

Die Eroberung Zyperns und die Hochzeit mit Berengaria
Ein Sturm trieb Teile von Richards Flotte 1191 an die Küste Zyperns, wo der selbst ernannte Kaiser Isaak Komnenos die schiffbrüchigen Kreuzfahrer berauben ließ. Richard reagierte entschlossen: Er eroberte die Insel in weniger als einem Monat und nahm Isaak gefangen – in silbernen Ketten, wie die Quellen betonen. Am 12. Mai 1191 heiratete Richard Berengaria in Limassol. Kurz danach verkaufte er Zypern für 100.000 Golddinare an den Templerorden. Diese Eroberung war langfristig bedeutsamer, als Richard damals ahnte: Zypern blieb fast vier Jahrhunderte unter lateinischer Herrschaft.
Der Feldzug im Heiligen Land: Triumphe, Konflikte und Rückschläge
Am 8. Juni 1191 traf Richard vor Akkon ein, das seit fast zwei Jahren belagert wurde. Philipps Truppen hatten wenig erreicht – erst mit Richards militärischem Können fiel die Stadt am 12. Juli 1191. Doch gleich nach dem Sieg kam es zum berühmten Eklat mit Herzog Leopold von Österreich: Dessen Fahne wurde von Richard oder seinen Leuten entfernt und in den Schmutz geworfen. Diese öffentliche Ehrverletzung führte zu Leopolds Abreise und einem langanhaltenden Konflikt, der später eine wichtige Rolle für Richards Gefangenschaft spielen sollte. Nachdem Philipp II. das Heilige Land verlassen hatte, übernahm Richard faktisch das Oberkommando. Seine Hinrichtung von ca. 3.000 muslimischen Gefangenen in Akkon wird heute kritisch bewertet, entsprach aber damals weitgehend den damaligen militärischen Normen.
Schlacht von Arsuf und der Weg nach Jerusalem
Am 7. September 1191 besiegte Richard Saladin in der Schlacht von Arsuf – ein entscheidender moralischer Sieg, auch wenn er das Heer Saladins nicht vernichten konnte. Zweimal marschierte Richard bis vor die Mauern Jerusalems, wagte aber keinen Angriff. Er wusste: Sollte die Stadt erobert werden, könnten die Christen sie nicht gegen Saladins Truppen halten.
Ende des Kreuzzugs und Vertrag von Ramla
Nach erneuten Gefechten, darunter der dramatischen Rückeroberung von Jaffa im August 1192, war Richard krank und militärisch ausgezehrt. Am 2. September 1192 schloss er mit Saladin den Vertrag von Ramla:
- Pilger durften Jerusalem besuchen.
- Die Küstenstädte von Jaffa bis Tyrus blieben christlich.
- Askalon ging an die Muslime.
Das Hauptziel – die Rückeroberung Jerusalems – blieb unerreicht. Doch Richards Zeitgenossen sahen ihn überwiegend als den herausragenden Kreuzfahrer seiner Epoche.
Am 9. Oktober 1192 trat er die Heimreise an – und sollte sie nie unbehelligt beenden. Nach dem Ende des Dritten Kreuzzugs begann für Richard Löwenherz eines der dramatischsten Kapitel seines Lebens: seine Gefangenschaft im römisch-deutschen Reich. Sie machte ihn nicht nur zum Spielball der europäischen Großmachtpolitik, sondern kostete England ein Vermögen.
Gefangenschaft bei Kaiser Heinrich VI. – Wie Richard Löwenherz zum teuersten Gefangenen Europas wurde
Auf dem Rückweg aus dem Heiligen Land erlitt Richards Schiff einen Schaden, sodass er gezwungen war, auf dem Landweg durch das Gebiet des römisch-deutschen Kaisers Heinrich VI. zu reisen. Das war hochgefährlich, denn Richard musste mit Racheakten seines Feindes Herzog Leopold V. von Österreich rechnen – jenes Mannes, dessen Fahne er in Akkon hatte herabreißen lassen.
Um unentdeckt zu bleiben, reiste Richard verkleidet und mit nur wenigen Vertrauten. Für einen mittelalterlichen König, dessen Rang und Ehre normalerweise öffentlich sichtbar sein mussten, war das schon allein eine Demütigung. Der Historiker Dieter Berg spricht von einem „amateurhaften Versteckspiel“ – zumal unklar bleibt, warum Richard nicht offiziell um freies Geleit als Kreuzfahrer bat. Trotz aller Vorsicht wurde seine kleine Gruppe im Dezember 1192 in Österreich bemerkt. Graf Meinhard von Görz schöpfte Verdacht, und kurz vor Weihnachten geriet Richard schließlich im Herrschaftsgebiet Leopolds in Gefangenschaft.
Die Quellen schildern die Szene ganz unterschiedlich:
- Deutsche Chronisten berichten hämisch, Richard sei als einfacher Pilger verkleidet gewesen und beim Braten eines Huhns in einer armseligen Hütte in Erdberg bei Wien aufgegriffen worden – verraten durch einen kostbaren Ring an seinem Finger.
- Englische Chronisten hingegen betonen seine königliche Würde: Er sei im Schlaf überrascht worden, habe sein Schwert nur persönlich dem Herzog übergeben wollen oder sich bewusst dem Herzog gestellt.
Klar ist: Für Leopold war es ein Akt der Rache für die Beleidigung in Akkon. Viele Kirchenmänner in Europa allerdings sahen darin eine schwere Sünde, denn ein Kreuzfahrer stand unter dem Schutz der Kirche und sollte freie Heimkehr genießen.
Auf der Burg Dürnstein – ein König als Pfand
Nach seiner Gefangennahme übergab Leopold den englischen König an Hadmar II. von Kuenring, einen seiner mächtigsten Ministerialen. Richard wurde auf der Burg Dürnstein an der Donau festgehalten – einem Ort, der bis heute eng mit seinem Namen verbunden ist. Schon am 28. Dezember 1192 informierte Kaiser Heinrich VI. den französischen König Philipp II. über den Fang: Er habe nun den „Feind unseres Reiches und Unruhestifter deines Reiches“ in Haft. Für den Kaiser bot sich damit eine enorme Chance, politischen Druck aufzubauen – sowohl auf Frankreich als auch auf England. Der Papst reagierte empört: Coelestin III. forderte Richards Freilassung und drohte Leopold mit der Exkommunikation, da ein Kreuzfahrer nicht gefangen gehalten werden dürfe. Tatsächlich wurde Leopold 1194 vom Papst exkommuniziert.
Heinrich VI. und das große Spiel um Macht und Geld
Kaiser Heinrich VI. erkannte rasch den Wert dieses königlichen Gefangenen. Er stand selbst unter Druck, unter anderem wegen der ungesühnten Ermordung des Lütticher Bischofs Albert von Löwen. Zudem war ihm Richards Einfluss auf norddeutsche Fürsten bekannt, die zur Opposition gegen den Kaiser neigten. Im Frühjahr 1193 begannen Verhandlungen zwischen Heinrich und Leopold über die Auslieferung Richards an den Kaiser. Anfang Januar wurde Richard nach Regensburg gebracht und dem Kaiser vorgeführt. Eine Einigung ließ zunächst auf sich warten, sodass Leopold den König noch einmal zurückbrachte, bevor schließlich ein Kompromiss gefunden wurde. Trotz der Haft blieb Richard politisch handlungsfähig. Über Boten und Kanzleibeamte konnte er weiter Urkunden ausstellen und Entscheidungen treffen. Ab Sommer 1193 gehörte sein Kanzler Wilhelm Longchamp wieder zu seinem Umfeld, und Richard mischte sogar in kirchlichen Fragen mit: Er betrieb erfolgreich die Wahl von Hubert Walter zum Erzbischof von Canterbury, der in England seine Herrschaft abstützen sollte.
Verrat in der Familie – Johann Ohneland nutzt seine Chance
Während Richard in Gefangenschaft saß, witterte sein Bruder Johann Ohneland die Gelegenheit, selbst nach der Krone zu greifen. Sobald er von der Gefangennahme erfuhr, reiste er nach Paris und suchte die Unterstützung Philipps II. Philipp belehnte Johann mit Teilen der Normandie und versprach ihm Unterstützung bei seinen Thronambitionen. Unzufriedene Adlige in den kontinentalen Besitzungen der englischen Krone wurden vom französischen König ermutigt, sich Johann anzuschließen.
Richard war also nicht nur Gefangener – er war auch akut von Entmachtung bedroht.
Anklagen, Schauprozess und inszenierte Gnade
Im Würzburger Vertrag vom 14. Februar 1193 einigten sich Heinrich VI. und Leopold grundsätzlich auf ein Lösegeld:
- 100.000 Mark Silber, zu gleichen Teilen für Kaiser und Herzog,
- dazu sollte Richard militärische Unterstützung für einen geplanten Feldzug nach Sizilien leisten.
Im März 1193 wurde Richard auf dem Hoftag von Speyer vor die Reichsfürsten gestellt. Heinrich beschuldigte ihn öffentlich zahlreicher Vergehen:
- Beteiligung am Mord an Konrad von Montferrat,
- unrechtmäßige Gefangennahme und Enteignung von Isaak Komnenos auf Zypern,
- Beleidigung Herzog Leopolds,
- Kooperation mit Tankred von Sizilien gegen die Erbansprüche des Kaisers,
- Bruch von Lehnsverpflichtungen gegenüber Philipp II.,
- sowie ein „schändlicher Frieden“ mit Saladin.
Richard durfte sich verteidigen und bot sogar einen gerichtlichen Zweikampf an – doch niemand war bereit, für diese Anklagen zum Zweikampf anzutreten. Eindruck hinterließ vor allem seine dramatische Geste: Er bekannte Fehler, warf sich vor dem Kaiser zu Boden und bat um Gnade. Heinrich zog ihn auf, schenkte ihm den Friedenskuss – eine hoch ritualisierte Szene, keine spontane Regung, sondern genau inszenierte mittelalterliche Politik. Trotz dieser öffentlichen „Versöhnung“ blieb Richard zunächst weiter in Haft, unter anderem auf der Reichsburg Trifels, wo ein Teil des kaiserlichen Kronschatzes lag.

Das teuerste Lösegeld des Mittelalters
Im Laufe der Verhandlungen wurde das Lösegeld weiter erhöht. Im Abkommen von Worms (29. Juni 1193) lagen die Bedingungen schließlich bei:
- 150.000 Mark Silber, davon
- 100.000 Mark sofort zu zahlen,
- 50.000 Mark über Geiseln abgesichert,
- zusätzlich militärische Verpflichtungen Richards (Schiffe und Ritter).
Diese Summe überstieg die dreifachen Jahreseinnahmen der englischen Krone. Um sie aufzubringen, wurden in England drastische Maßnahmen ergriffen:
- Einrichtung eines speziellen Lösegeld-Schatzamts (scaccarium redemptionis).
- Der hohe Klerus musste liturgische Geräte und Teile seiner Einkünfte abgeben.
- Sondersteuern von bis zu 25 Prozent wurden eingeführt.
- Königlicher Besitz wurde verkauft.
- Sogar der Gewinn aus der Wollproduktion der Zisterzienser wurde eingezogen.
- Ritterlehen wurden pauschal besteuert.
- Für jüdische Gemeinden wurden spezielle Kassen (archae) und ein eigener Exchequer geschaffen, um ihre Finanzkraft genauer zu erfassen und besser zu kontrollieren.
Gleichzeitig versuchten Philipp II. und Johann verzweifelt, Richards Freilassung zu verhindern: Sie boten dem Kaiser 150.000 Mark, wenn er Richard stattdessen an sie auslieferte oder weiter festhielt. Doch auf dem Mainzer Hoftag 1194 sprachen sich die Fürsten für die Einhaltung der ursprünglichen Vereinbarung aus. Schließlich einigte man sich auf eine zusätzliche Bedingung: Richard musste das Königreich England als Lehen vom Kaiser annehmen und einen jährlichen Tribut versprechen – mehr symbolische Erniedrigung als reale Unterwerfung.
Freilassung, Nachwirkungen und der Preis der Rache
Am 4. Februar 1194 wurde Richard auf dem Hoftag in Mainz offiziell freigelassen. Geiseln – darunter die Söhne Heinrichs des Löwen – sicherten den ausstehenden Teil des Lösegeldes. Die Erzbischöfe von Köln und Mainz übergaben Richard seiner Mutter Eleonore von Aquitanien, die ihn persönlich in Empfang nahm. Nur wenige Wochen später kehrte Richard nach England zurück, um seine Herrschaft zu sichern und die innenpolitischen Schäden zu reparieren. Die Robin-Hood-Legende, die ihn später als guten König darstellt, der nach seiner Rückkehr die Ordnung wiederherstellt, entstand allerdings erst Jahrhunderte später.
Die Folgen des Lösegelds waren enorm:
- Leopold V. von Österreich nutzte seinen Anteil zur Stadtgründung und zum Ausbau seiner Residenzen. Sein plötzlicher Tod 1194 wurde von Zeitgenossen gern als göttliche Strafe für die Gefangennahme Richards gedeutet.
- Heinrich VI. finanzierte damit seinen Eroberungsfeldzug nach Sizilien.
- In England sorgten die hohen Abgaben in London 1196 zu einem Aufstand unter Wilhelm Fitz Osbert.
Die Gefangenschaft bei Kaiser Heinrich VI. war für Richard also mehr als nur eine persönliche Demütigung – sie veränderte die Machtverhältnisse in ganz Europa und belastete sein Reich finanziell bis an die Grenze.
Rückkehr nach Frankreich und Ausgleich mit Johann Ohneland
Am 12. Mai 1194 landete Richard in Barfleur in der Normandie. Obwohl sein Bruder Johann Ohneland während seiner Gefangenschaft versucht hatte, sich mit Hilfe des französischen Königs zum Herrscher aufzuschwingen, zeigte Richard sich überraschend milde: Er verzichtete auf eine harte Bestrafung und nahm Johann wieder in Gnaden an. Dieser schnelle Ausgleich sicherte ihm den Rücken frei – denn Richard hatte ein anderes Ziel fest im Blick: die Wiederaufnahme des Kampfes gegen Philipp II. von Frankreich.
Englisch-französische Auseinandersetzungen: Machtkampf um die Normandie
Schon wenige Wochen nach seiner Rückkehr zeigte Richard seine Entschlossenheit. Am 5. Juli 1194 startete er einen überraschenden Angriff auf Philipp II. Der französische König konnte sich zwar retten, verlor aber Männer, Ausrüstung, sein Königssiegel und sogar Teile seines königlichen Archivs. Ein schwerer Prestigeverlust. Am 23. Juli 1194 wurde in Tillières bei Verneuil ein Waffenstillstand geschlossen, vermittelt durch einen päpstlichen Legaten. Der Vertrag lief bis 1. November 1195 und war für Richard eher ungünstig:
- Philipp erhielt größeren Einfluss in der Normandie,
- Richard durfte nur vier normannische Burgen wieder aufbauen
- und musste weitere Rückeroberungspläne vorerst aufgeben.
Doch Richard nutzte die Ruhephase geschickt. Er füllte seine Kriegskasse auf, unter anderem durch eine allgemeine 10-Prozent-Steuer auf Exportgüter. Gleichzeitig betrieb er propagandapolitische Maßnahmen: Wie der Historiker John Gillingham zeigen konnte, setzte Richard gezielt Briefwechsel und Berichte ein, um seine Sicht der Dinge in Europa zu verbreiten – auch mit geschönten oder bewusst gelenkten Darstellungen.
Neue Feldzüge, neue Burgen – Château Gaillard und die Sicherung der Normandie
Ab Herbst 1194 bereiteten sich beide Seiten auf die nächste Runde im Machtkampf vor. Der Waffenstillstand wurde zwar formal eingehalten, doch im Hintergrund liefen Truppenaufstellungen und Bündnisverhandlungen.
- 1195 kam es bei Issoudun zur Schlacht, aus der Richard als Sieger hervorging.
- Im Vertrag von Gaillon (1196) musste er zwar dauerhaft auf das Vexin verzichten, konnte aber seine Position in anderen Teilen der Normandie, in Aquitanien und im Berry stärken.
Als Antwort auf die Bedrohung durch Philipp ließ Richard 1196 in Rekordzeit eine der modernsten Burgen Europas errichten: Château Gaillard über der Seine. Die Festung sollte den Zugang zur Normandie über das Seinetal kontrollieren und galt als Meisterwerk mittelalterlicher Militärarchitektur. Richard war stolz auf dieses Bollwerk – die Burg war sichtbares Symbol seiner Wehrhaftigkeit gegenüber Frankreich.
Bündnisse und große Siege – Richard als europäischer Machtspieler
1197/1198 weitete sich der Konflikt auf das Reich nördlich der Alpen aus. Nach dem Tod Kaiser Heinrichs VI. (1197) entstand dort ein Machtvakuum. Zwei Kandidaten standen sich gegenüber:
- der Staufer Philipp von Schwaben,
- der Welfe Otto von Braunschweig, ein Neffe Richards.
Richard unterstützte Otto, nicht nur aus Familienbanden, sondern auch aus Rachegefühl gegenüber den Staufern, in deren Machtbereich er gefangen gewesen war. Er investierte viel Geld und diplomatische Energie in Ottos Königswahl, um im Reich einen Verbündeten gegen Philipp II. zu gewinnen. Am 9. Juni 1198 wurde Otto mit maßgeblicher finanzieller Hilfe Richards zum König gewählt – ein Erfolg englischer Außenpolitik. Die Kapetinger reagierten, indem sie sich mit dem Staufer Philipp von Schwaben verbündeten.
Gleichzeitig setzte Richard seinen Kampf gegen Philipp II. fort:
- 1197 schloss er ein Bündnis mit Balduin IX. von Flandern
- und kam zu einem Ausgleich mit dem südwalisischen Fürsten Gruffydd ap Rhys ap Gruffydd.
Dadurch war er in der Lage, den französischen König an mehreren Fronten unter Druck zu setzen. Im Sommer 1198 führte Richard einen erfolgreichen Feldzug durch das Vexin. Philipp versuchte, die Burg Gisors zu erreichen, doch beim Überschreiten der Epte stürzte eine Brücke unter der Last der schwer gerüsteten Ritter ein. Viele ertranken, der König selbst wurde mit Mühe gerettet, zahlreiche Adlige gerieten in Gefangenschaft. In der Schlacht von Gisors (September 1198) erlitt Philipp dennoch eine deutliche Niederlage. Gegen Ende seines Lebens stand Richard militärisch so stark da wie lange nicht mehr.
Tod im Limousin – der Armbrustbolzen von Châlus
Trotz all seiner Erfolge blieb Richard bis zuletzt aktiv an der Front. Im März 1199 begab er sich ins Limousin, wo eine Revolte lokaler Adeliger – darunter der Graf von Angoulême und der Vizegraf von Limoges – ausgebrochen war. Vor der kleinen Burg Châlus-Chabrol nahm Richard persönlich an der Belagerung teil. Am 26. März 1199 näherte er sich offenbar ohne ausreichenden Schutz den Mauern. Dabei traf ihn ein Armbrustbolzen – eine vergleichsweise unspektakuläre Waffe für einen so berühmten König. Ein Arzt entfernte zwar den Bolzen, doch die Wunde entzündete sich. Zehn Tage später, am Abend des 6. April 1199, starb Richard an den Folgen einer Blutvergiftung (Wundbrand). Damit gehört er zu den wenigen mittelalterlichen Königen, die als anerkannte Herrscher im Kampf ihr Leben verloren.
Rasch entstanden Legenden um seinen Tod. Er soll dem Schützen auf dem Sterbebett vergeben haben; der Angriff auf Châlus sei nur erfolgt, weil er dort einen großen Schatz vermutet habe. Moderne Forschung, insbesondere John Gillingham, sieht die Belagerung jedoch als Teil einer durchdachten aquitanischen Politik und als Maßnahme gegen mögliche französische Pläne – nicht als spontane Schatzjagd.
Beisetzung an drei Orten – und ein ungewöhnliches Königsgrab
Richard Löwenherz wurde an gleich drei Orten beigesetzt:
- Gehirn und Eingeweide im Poitou, nahe dem Ort seines Todes,
- das Herz in der Kathedrale von Rouen, dem politischen Zentrum der Normandie,
- der restliche Körper am 11. April 1199 in der Abtei Fontevraud, neben seinem Vater Heinrich II.
Bemerkenswert: Richard war der erste König von England, der mit seinen Krönungsinsignien bestattet wurde. Seine Grabfigur – als liegender, friedvoll dargestellter König mit Ruhekissen und Fußstütze – war für die damalige Zeit ungewöhnlich und findet sich nur noch bei wenigen anderen hochrangigen Persönlichkeiten, etwa seiner Mutter Eleonore und Heinrich dem Löwen. Eleonore von Aquitanien stiftete ihm am 21. April 1199 ein Jahrgedächtnis – ein weiterer Hinweis auf die enge Verbindung zwischen Mutter und Sohn.
Nachfolge und langfristige Folgen – der Weg zur Magna Carta
Nach Richards Tod entbrannte sofort ein Machtkampf um die Nachfolge. Zwei Kandidaten standen im Mittelpunkt:
- Johann Ohneland, Richards Bruder,
- Arthur I. von Bretagne, Sohn von Richards verstorbenem Bruder Gottfried.
Mit Unterstützung Eleonores setzte sich Johann durch. Am 27. Mai 1199 wurde er durch Erzbischof Hubert Walter von Canterbury zum König gekrönt. Er übernahm nicht nur die Krone, sondern auch die hohen Abgabenforderungen, die schon zur Finanzierung von Richards Kriegen und Lösegeld notwendig gewesen waren. Zunächst gelang Johann noch ein politischer Ausgleich mit Philipp II. im Vertrag von Le Goulet (1200). Doch schon 1202 flammte der Krieg wieder auf. Er endete 1204 mit einem Debakel: Johann verlor die Normandie und große Teile der englischen Festlandsgebiete – ein entscheidender Wendepunkt in der europäischen Geschichte. Nach weiteren militärischen Niederlagen, darunter die Schlacht bei Bouvines (1214), war Johann innenpolitisch stark geschwächt. Der Widerstand der englischen Barone gegen seine Willkür und seine Finanzpolitik wuchs. Dies mündete 1215 in die Erzwingung der Magna Carta Libertatum – einem Grundstein für spätere Rechtsstaatlichkeit.
In gewisser Weise führte also die Politik jener Könige, die wie Richard Löwenherz ihre Reiche mit gewaltigen Kriegs- und Lösegeldkosten belasteten, indirekt zu einem der wichtigeren Verfassungstexte Europas.
Schlussfolgerung
Was lässt sich also abschließend über Richard Löwenherz sagen? Sicher ist, dass er eine sehr bedeutende Rolle gespielt hat, nicht nur in der Geschichte Englands. Er verbrachte einen Großteil seines Lebens außerhalb von England, legte aber mit Reformen und klaren Verwaltungsstrukturen die Grundlage für eine Erneuerung des Landes. Dass es auch dort immer wieder zu Rebellionen kam, konnte man in dieser Zeit einem König nur bedingt anlasten – zu häufig waren solche Ereignisse, in deren Rahmen Macht- und Besitzverteilungen immer wieder neu austariert wurden.
In Sachen Kriegführung hatte Löwenherz große Erfolge vorzuweisen, wenn ihm auch der ganz große Coup, die Rückeroberung Jerusalems, letztendlich verwehrt blieb.
Dennoch bleibt er eine der faszinierendsten Gestalten des Mittelalters: ein König, der eher General als Regierungsbeamter war, ein Krieger von außergewöhnlichem Mut, dessen Ruf weit über seine tatsächlichen politischen Erfolge hinausreichte. Seine Siege, seine Entschlossenheit und sein strategisches Geschick machten ihn schon in seiner eigenen Zeit zu einer Legende, und spätere Generationen formten aus ihm das Idealbild des edlen Ritters. Gleichzeitig zeigen seine Gefangenschaft, seine hohen finanziellen Belastungen für England und seine letztlich unvollendeten territorialen Pläne die Grenzen eines Herrschers, der mehr Schlachten als Regierungssitzungen kannte.
Richard Löwenherz steht damit sinnbildlich für die Ambivalenz mittelalterlicher Königsherrschaft: zwischen heroischer Selbstdarstellung und realpolitischer Verantwortung, zwischen Ruhm auf dem Schlachtfeld und Herausforderungen der Herrschaftspraxis. Sein früher Tod im Kampf unterstreicht diese Spannung – und erklärt zugleich, warum er bis heute zu den Königen zählt, die stärker mythisch überhöht als nüchtern beurteilt werden.
Sein Vermächtnis wirkt nicht nur in Chroniken und Legenden fort, sondern auch in den politischen Entwicklungen nach seinem Tod, die letztlich zur Magna Carta führten. So bleibt Richard Löwenherz eine Schlüsselfigur, deren Leben und Wirken weit über seine Zeit hinaus nachhallt.