Hat das Mittelalter heute noch eine Bedeutung?

Diese Frage wird mir immer häufiger gestellt. So viele Probleme erscheinen in den Zeiten unserer vielschichtigen Krisen drängender als die Beschäftigung mit einer Zeit, die hunderte von Jahren in der Vergangenheit liegt. Aber ist es wirklich so, dass uns die Geschichte des Mittelalters in der Praxis des modernen Lebens so gar nichts mehr anderes zu bieten hat als eine gewisse Nostalgie und spannende Unterhaltung?

Die „Faszination Mittelalter“

Edle Ritter auf ihren stolzen Burgen, ein einfacheres Leben, das Konzept der ritterlichen Ehre, die Minne…das Mittelalter steckt voller Themen, die auch heute noch große Faszination auslösen. Daran nicht ganz unschuldig ist das Zeitalter der Romantik (18. – 19. Jh.). Die Künstler dieser Zeit überhöhten das Mittelalter nur zu gerne zu einer identitätsstiftenden Epoche, in scharfer Abgrenzung zu den realen und empfundenen Unzulänglichkeiten der eigenen Gegenwart. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert waren es die Künstler des Historismus, die nur zu gerne mittelalterlichen Themen aufgriffen und so in die Lebenswelt der Menschen zurückbrachten – freilich nicht in sehr authentischer Form. Auch in Musik, Literatur und Film finden sich bis heute immer wieder mittelalterliche Themen. Serien wie Game of Thrones und Filme über sagenhafte Gestalten wie Robin Hood sind bis heute überaus erfolgreich. Man könnte an dieser Stelle sagen: Ja, das Mittelalter ist bis heute überaus relevant.

Fakt oder Fiktion? – nicht nur eine Frage für die Wissenschaft

Die genannten Beispiele haben eines gemeinsam: Es geht hier nicht um Fakten und Authentizität, sondern um Geschichtsbilder – jenen festen Vorstellungen über die Geschichte, die sich von Mensch zu Mensch bisweilen stark unterscheiden können. Grundsätzlich gilt hierbei: Je weniger ausgeprägt das Wissen über die Geschichte, desto mehr Fantasie ist im Spiel. Wenn diese Geschichtsbilder dann zusätzlich mit Emotionen verknüpft werden (und das werden sie von den Medien natürlich), ist die Authentizität ganz schnell unrelevant. Dementsprechend wäre es bei den oben genannten Beispielen richtiger von der Bedeutung von Geschichtsbildern für unsere Gegenwart zu sprechen, nicht so sehr von einer Bedeutung des historischen Mittelalters. Autoren, Regisseure und Produzenten bedienen dabei nur zu gerne bereits existente Geschichtsbilder, um ihre Werke besser verkaufen zu können. Dabei ist das Erzählen von Geschichten keineswegs eine Besonderheit unserer Zeit.

Die Bedeutung der mittelalterlichen Geschichte

Seit jeher erzählen sich die Menschen Geschichten. Sie gaben und geben uns die Möglichkeit, uns in der Welt, in unserer Gemeinschaft und in der Zeit zu verorten:

„Warum fesseln uns Geschichten? Darauf gibt es nur die hermeneutische Antwort: Weil wir uns im Andern, im Andern der Menschen, im Andern des Geschehens wiedererkennen.“ – Hans-Georg Gadamer

Unsere Identität hängt also ganz entscheidend davon ab, wie wir uns an die Geschichte erinnern – also davon, welche Fragen wir an die Geschichte stellen und wie die Antworten interpretiert werden. Diese Aufgabe kommt (nicht nur) den Historikern zu:

„Es hängt von den Fragen des Historikers ab, welche Antworten er erhält, denn die Menschen der Vergangenheit sprechen nicht von selbst. Sie müssen von uns zum Sprechen gebracht werden. Geschichte ist, weil wir uns erinnern und unseren Erinnerungen einen Sinn geben und weil wir Ereignisse aus der Vergangenheit für die Bedürfnisse der Gegenwart interpretieren. Darin entsteht Geschichte als Sinn.“ – Jörg Baberowski

Halten wir also fest: Der Interpretation der Geschichte kommt die zentrale Rolle zu. Durch das Stellen von Fragen bringen wir die Geschichte zum Sprechen. Dabei erstellen wir keinesfalls ein fotorealistisches Bild der Vergangenheit. Wir können uns ihr bestenfalls annähern. Aber das ist auch nicht der entscheidende Punkt. Vielmehr erkennen wir uns selbst durch den Blick in die Vergangenheit und finden möglicherweise Antworten für unsere Gegenwart. So gesehen ist also die mittelalterliche Geschichte nach wie vor sehr relevant, auch abseits der Unterhaltungsindustrie. Allerdings nicht automatisch – man muss Fragen an authentische Quellen stellen und diese fachgerecht interpretieren. Nur so erhält man am Ende stimmige Antworten, die (gerade) für unsere Zeit überaus relevant sind.

Über den Autor

Daniel Ossenkop hat Geschichte, English Studies sowie Mittelalterliche Geschichte an der TU Braunschweig und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf studiert. Seine Masterarbeit zur Belagerung von Neuss durch den Burgunderherzog Karl den Kühnen 1475 ist 2014 im Diplomica-Verlag erschienen. Heute arbeitet er als Lehrer für Geschichte und Englisch.

1 Kommentar zu „Hat das Mittelalter heute noch eine Bedeutung?“

  1. Ein sehr inspirierenden Beitrag der zu. Nachdenken anregt. War das Mittelalter so wie wir es oft in Filmen erleben? Allzu leicht übernimmt man das vorgegebene Bild. Umso interessanter sich einmal mit der Realität des Mittelalters zu beschäftigen. Ich denke, man kann so einiges auf heute übertragen unddaraus lernen .

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